"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Usbekistan

 

Letzter Halt der November Reise 24

Vorletzter Halt Tadjikistan

Am Mittwoch erreichten wir die Hauptstadt von Usbekistan, Tashkent. Usbekistan, hat etwa 36 Millionen Einwohner und ist damit das bevölkerungsreichste Land der Region. Mit einer Fläche von rund 448.900 Quadratkilometern ist es etwa fünfmal so groß wie Österreich. Das Land hat eine lange Geschichte und ist bekannt für seinen Baumwollanbau, der lange Zeit ein Hauptpfeiler der Wirtschaft war. Die Baumwollproduktion führte zu zahlreichen ökologischen Problemen, insbesondere dem Verfall des Aralsees. Usbekistan ist mittlerweile stärker wirtschaftlich vernetzt und setzt zunehmend auf Industrialisierung und Diversifizierung. Der durchschnittliche monatliche Lohn liegt bei etwa 300 US-Dollar.
Was mir gleich am Anfang auffiel, waren die weißen Autos. Fast alle Autos hier sind weiß, und Chevrolet ist mit Abstand die meistgefahrene Marke. Die Taxipreise sind ebenfalls unfassbar günstig – eine Fahrt von 15 km zum Hotel kostete weniger als 3 Euro.
Am frühen Nachmittag starteten wir unsere Besichtigung der Stadt. Der erste Halt war das Museum der Polizeigewalt (Museum of Victims of Political Repression). Das Gebäude ähnelt  einer neuen Moschee, mit wunderschönen Holzschnitzereien an den Säulen. Es befindet sich in einer gepflegten Parkanlage und muss extrem teuer gewesen sein. Das Museum dokumentiert die politischen Verfolgungen, die vor allem unter der sowjetischen Herrschaft stattfanden.  Besonders prägend ist die Darstellung des sogenannten Baumwollskandals. Während der sowjetischen Ära setzte Moskau den usbekischen Behörden enorme Baumwollproduktion-Vorgaben. Diese Quoten konnten jedoch nicht erreicht werden, weshalb die Arbeiter gezwungen wurden, unter extremen Bedingungen zu arbeiten – teilweise unter Zwangsarbeit. Schlimmer noch, viele Arbeiter wurden bei Nichterfüllung der Quoten festgenommen und bestraft. Darüber hinaus wurden die offiziellen Zahlen zur Baumwollernte häufig gefälscht, um den Eindruck zu erwecken, die sowjetischen Vorgaben würden erfüllt. Dies führte zu einer massiven Ausbeutung der Arbeitskräfte und hatte verheerende Auswirkungen auf die Umwelt. Viele dieser Geschichten von politischer Repression und Ausbeutung sind in diesem Museum dokumentiert.
Der Fernsehturm von Tashkent steht direkt neben dem Museum, aber aufgrund des schlechten Wetters verschoben wir die Auffahrt. Stattdessen fuhren wir zum Eisenbahnmuseum, wo alte Lokomotiven und Wagen ausgestellt sind. Für einen Eisenbahn-Romantiker ist dies ein wunderbarer Ort.
Schon bei der Planung hatte mir „Salva“ (der bereits über 170 Länder bereist hat) empfohlen, nach Samarkand zu fahren. Also machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg und erreichten Samarkand nach 2,5 Stunden Zugfahrt. Samarkand, mit etwa 600.000 Einwohnern ist  eines der bedeutendsten kulturellen Zentren Usbekistans. Die Stadt spielte eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Seidenstraße und ist bekannt für ihre prachtvolle Architektur und ihre Geschichte als Hauptstadt des Timuridenreichs.
Zuerst besuchten wir das Ishratkhana Mausoleum, das sich etwas außerhalb des Stadtzentrums befindet und derzeit renoviert wird. Dieses historische Gebäude diente als Grabstätte für Mitglieder der Timurid-Dynastie und wird zur Zeit aufwendig restauriert. Gegenüber befindet sich das Hodscha-Abd-ad-Darun-Mausoleum, das ebenfalls renoviert wird, aber bereits einen weiten Fortschritt gemacht hat. Beide Orte zeugen von der großen Bedeutung der Familie Timur und der religiösen und kulturellen Bedeutung Samarkands.
Weiter ging es zur Papierfabrik „Meros“, die in einem wunderschönen Garten liegt, durch den ein Fluss mit Wasserrädern fließt, die zur Herstellung des Papiers genutzt werden. Hier wird traditionelles Papier aus Holz hergestellt, und die alte Handwerkskunst wird mit viel Hingabe bewahrt.
Der nächste Halt war das Observatorium von Ulugh Beg, einem der größten Astronomen seiner Zeit, das im 15. Jahrhundert erbaut wurde. Ulugh Beg war ein Enkel von Timur und errichtete dieses Observatorium, um den Himmel zu studieren und präzise astronomische Messungen durchzuführen. Es war ein faszinierender Ort und wir sahen auch viele Brautpaare, die sich hier für Fotos ablichten ließen.
Danach begaben wir uns zu unserem Treffpunkt für die Walking Tour. Unser Guide führte uns zum Gur-Emir-Mausoleum (Go'r-i Amir Maqbarasi), der Grabstätte von Timur und seiner Familie. Das Mausoleum ist ein Meisterwerk der Architektur, mit atemberaubend verzierte Tore und einer leuchtend blauen Kuppel, die das Stadtbild prägen. Der Ort ist nicht nur aufgrund seiner historischen Bedeutung bemerkenswert, sondern auch wegen der prachtvollen Farben und der detaillierten Verzierungen, die typisch für die Architektur der Timuridenzeit sind. Die Wände und Kuppeln sind mit kunstvollen Kacheln bedeckt, die in kräftigen Blautönen schimmern – ein wahres Juwel der islamischen Architektur.
Während unserer Tour erzählte uns der Guide, dass viele dieser Gebäude erst nach Stalins Tod wiederaufgebaut werden durften, als die sowjetische Regierung die Restaurierung von religiösen und kulturellen Monumenten endlich zuließ.
Der Ulugʻbek-Madrasa ist ein Meisterwerk der timuridischen Architektur und prägt mit seiner majestätischen Fassade das Stadtbild von Samarkand. Diese beeindruckende Madrasa wurde im 15. Jahrhundert von Ulugh Beg erbaut und besticht durch ihre filigranen Verzierungen und das massive Tor, das mit arabesken Mustern und intensiven Farben geschmückt ist. Direkt gegenüber steht die Tilya-Kori-Madrasa, die ihren Namen „mit Gold bedeckt“ zu Recht trägt, da die Innenräume und die Kuppel mit goldenen Ornamenten verziert sind. Die Sher-Dor-Madrasa, berühmt für die darstellten Löwen auf ihrer Fassade, bietet mit ihren lebendigen Farben und der künstlerischen Symbolik einen faszinierenden Kontrast. Diese drei Madrasas umrahmen den Maydoni Platz, der mit seinen farbenfrohen, detailreichen Bauwerken ein einzigartiges architektonisches Ensemble bildet, das nicht nur die Geschichte Samarkands widerspiegelt, sondern auch die kulturelle Bedeutung der Stadt unter den Timuriden hervorhebt.
Die letzte Station war die Moschee und das Mausoleum von Shakhi Zinda (Mechet' Shokhi Zinda). Dieser architektonische Komplex ist eines der geheimnisvollsten Denkmäler von Samarkand und beherbergt das Grab von Kusam ibn Abbas, einem der Gefährten des Propheten Mohammed. Die Komplexität der Architektur und die außergewöhnliche Schönheit der Kacheln und Ziegel machen Shakhi Zinda zu einem der faszinierendsten Orte in der Stadt.
Kurz vor Mitternacht waren wir wieder in Tashkent.
Am nächsten Vormittag trafen wir uns  mit einem deutschsprachigen Guide. Der Treffpunkt war vor dem Hotel Usbekistan. Für Liebhaber der Sowjetunion ist dieses Gebäude ein Prachtbau, doch für Menschen mit offenen Augen wirkt es schlichtweg hässlich. Aziz, unser Guide, sprach ausgezeichnet Deutsch und wusste auch einiges über Österreich. Er erzählte, er habe einst eine Delegation der FPÖ durch Tashkent geführt, wobei sie jedes Mal, wenn er sie bat, links abzubiegen, hartnäckig rechts abgebogen seien.
Daneben befindet sich das Palace of International Forums Uzbekistan. Aziz erwähnte, dass beim Bau dieses prächtigen Gebäudes hunderte Millionen Euro verschwunden seien – eine Anspielung auf die undurchsichtigen Finanzierungen des Projekts. Weiter ging es zum Amir Temur Denkmal, einem der größten nationalen Symbole Usbekistans. Temur, auch bekannt als Timur oder Tamerlan, war ein bedeutender Eroberer und Militärführer des 14. Jahrhunderts. Als Nationalheld wird er verehrt, jedoch hatte er auch eine dunkle Seite: Temur führte brutale Eroberungskriege und ist für die Zerstörung vieler Städte bekannt. Dennoch wird er von vielen als Symbol für Stärke und nationale Identität betrachtet.
Wir stellten uns vor das Denkmal, und Aziz erklärte uns, dass es in Tashkent eine symbolische Darstellung von drei Epochen gibt: links das Hotel Usbekistan als Symbol des Kommunismus, rechts das Forum als Symbol des Kapitalismus und in der Mitte das Islamische Erbe.
Aziz erzählte uns von der Beziehung Usbekistans zu Russland. Er erklärte, dass Russland weder Feind noch Freund sei, aber dass nahezu alle sowjetischen Relikte aus dem Stadtbild entfernt worden seien – ähnlich wie in Tadschikistan, Kasachstan und Kirgisistan. Lenin-Denkmäler und Karl-Marx-Straßen wurden durch neue, nationale Symbole ersetzt. Aziz betonte stolz, dass Usbekistan seine eigene Geschichte hat und kein Russland braucht. „Dieses Land blüht auf“, sagte er mit Überzeugung. Das fand ich eine sehr positive Haltung. Hoffentlich kommt dieser notwendige Schritt auch in anderen Ländern Osteuropas bald.
Wir spazierten durch eine Allee und erreichten den Palace of Grand Duke Nicholas Constantinovich. Dieser Palast, der für den russischen Großfürsten Nicholas Constantinovich erbaut wurde, spiegelt die enge Verbindung der Region zu Russland wider, bevor die Unabhängigkeit Usbekistans 1991 erklärt wurde. Es wurde als Symbol für den Einfluss des zaristischen Russlands auf Zentralasien genutzt.
Die Stadt ist äußerst sauber und gepflegt, und selbst Mitte November blühten noch einige Blumen. Die Springbrunnen hingegen waren bereits für den Winter vorbereitet. Wir gingen ein paar Meter weiter und erreichten das Unabhängigkeitsdenkmal, auf dem früher ein Lenin-Denkmal stand. Leider war der Platz abgesperrt und wir konnten das Denkmal nur aus der Ferne betrachten. Das Denkmal stellt die Unabhängigkeit Usbekistans dar und wird von einer Karte und einer Weltkugel umrahmt, was symbolisiert, dass Usbekistan als souveräner Staat seinen Platz in der Welt gefunden hat.
Danach ging es weiter in die U-Bahn-Welt von Tashkent. Die U-Bahn wurde in den 1970er Jahren während der Sowjetzeit gebaut und zeichnet sich durch ihre einzigartige Architektur aus. Die Station Kosmonavtlar ist der Weltraumforschung gewidmet, mit Wandgemälden und Verzierungen, die berühmte Persönlichkeiten wie Ulugh Beg, Valentina Tereschkowa und Juri Gagarin darstellen. Der Innenraum ist mit blauen Keramikfliesen verziert, die Szenen aus der Raumfahrtgeschichte darstellen und die Decke erinnert an die Milchstraße mit gläsernen Sternen. Diese U-Bahn ist ein wahrhaft künstlerisches Meisterwerk.
Eine andere Station zeigte auf den Bahnsteigseiten lange blaue Linien, die Flüsse symbolisieren, die zur Decke führen, wo sie in Baumwollblüten, die die Leuchten der Station sind, aufgehen – eine künstlerische Darstellung der Bewässerung der Baumwollfelder in Usbekistan.
Unser nächster Halt war der Chorsu-Basar. Der Basar, ein wichtiges kulturelles Zentrum, ist in einem beeindruckenden Gebäude untergebracht, dessen Architektur traditionell orientalische Einflüsse mit sowjetischem Stil kombiniert. Hier kann man eine große Vielfalt an Gewürzen, frischen Lebensmitteln und lokalen Handwerkskünsten entdecken – ein wahres Paradies für Feinschmecker und Kulturinteressierte. Also für jene, die den westlichen Standard von abgepackten Fleisch im Kühlregal nicht kennen.
Der letzte Halt auf unserer Walking Tour war das Ensemble Hazrati Imam, ein historisch bedeutendes religiöses Zentrum in Tashkent. Es umfasst mehrere wichtige Bauwerke, darunter die Barak-Khan-Medrese und die Tilla Sheikh-Moschee, die als bedeutende Zentren des Islamischen Lernens in Usbekistan gelten. Besonders bekannt ist die Moschee für ihre Sammlung heiliger islamischer Relikte, darunter ein angeblich originaler Koran von Usman, dem dritten Kalifen.
Anschließend trennte sich unsere Gruppe. Aziz ging zum Gebet und wir nutzten den Rest des Tages, um den TV-Turm von Tashkent zu besuchen. Der Turm bietet eine atemberaubende Aussicht auf die Stadt und die umliegende Landschaft. Mit einer Höhe von über 375 Metern ist er das höchste Bauwerk Usbekistans und der perfekte Ort, um einen Panoramablick auf Tashkent zu genießen. Die Aussichtsplattform ist aber etwa im unteren Drittel.
Am Abend gab es im Besh Qozon das traditionelle Plov. Plov, ein Gericht aus Reis, Fleisch, Karotten und Gewürzen, ist das Nationalgericht Usbekistans und wird in riesigen Pfannen über offenem Feuer zubereitet. Was dieses Erlebnis besonders machte, war, dass wir direkt in die Küche gehen und den Köchen bei der Zubereitung zusehen konnten – eine besondere und authentische Erfahrung.
Der Abend wurde gemütlich im Hotel verbracht, denn um 01:30 Uhr stand eine 17-stündige Heimreise über Dubai auf dem Programm. Für einige  in der Business Class, für andere in der Holzklasse. Für mich war es der erste Flug im Airbus A380 und beim Start  in Dubai Richtung Wien konnte ich die beeindruckende Skyline mit dem höchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa, bewundern. Atemberaubend!
Mit dieser Reise durch Zentralasien habe ich bereits 14 der 15 ehemaligen Sowjetrepubliken bereist. Nur Turkmenistan fehlt noch. Es war faszinierend zu sehen, wie sich Länder wie Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan von Moskau losgelöst haben. Trotzdem haben diese vier Staaten noch mit internen Herausforderungen zu kämpfen, besonders Tadschikistan. Kasachstan werde ich sicherlich wieder bereisen müssen. Als Fußballfan kann man sich solche Entscheidungen nicht aussuchen! Usbekistan werde ich auf jeden Fall wieder besuchen, denn es gibt noch viel mehr zu entdecken.
Ich freue mich, euch mit meinen Berichten durch Zentralasien mitgenommen zu haben und hoffe, bald die Bilder dazu liefern zu können.
Mein Reisejahr 2024 ist natürlich noch nicht zu Ende. Es steht noch etwas Großes an. Etwas Sehr Großes...