Narva
Estland und Lettland – Juli 2026
„Eure Freiheit ist nicht euer Verdienst, sondern unser Versäumnis“
Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass es im Juni ans Meer nach Montenegro gehen würde. Doch als Fußballfan kann man sich seine Reiseziele nicht aussuchen. Also wanderten die Badesachen wieder zurück in den Schrank, während Pullover und lange Hosen ihren Platz im Koffer einnahmen.
Die Flüge ins Baltikum wollten wir eigentlich während der Schlussphase des entscheidenden Spiels FK Liepāja gegen Dečić Tuzi buchen. Der Erste von uns ergatterte sein Ticket noch um 225 Euro. Wenige Minuten später schnellte der Preis allerdings auf über 600 Euro in die Höhe. Damit war für mich klar, dass ich einen anderen Weg nehmen musste. Während meine beiden Begleiter direkt nach Riga flogen, führte mich meine Route zunächst über Warschau in die estnische Hauptstadt Tallinn.
Für mich war es keineswegs der erste Aufenthalt im Baltikum. Seit 2006 hatte ich Estland, Lettland und Litauen bereits mehrfach bereist.
Kurz nach Mitternacht erreichten wir unser Hotel in Tallinn. Jetzt gab es nur noch ein einziges Ziel: schlafen.
Es war übrigens das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich bewusst auf eine Buchung über Booking verzichtete. Nach meiner letzten USA-Reise war das Vertrauen endgültig dahin. Zunächst wurden meine Kreditkartendaten an ein Hotel weitergegeben, das gar nicht mehr existierte. Dieses Hotel belastete meine Karte unrechtmäßig und Booking half mir in keiner Weise weiter. Wenig später wurden in Kansas unsere bereits bezahlten Hotelzimmer einfach an andere Gäste vergeben. Der finanzielle Schaden belief sich auf einen vierstelligen Eurobetrag. Unterstützung von Booking? Fehlanzeige. Deshalb stand für mich fest: Nie wieder Booking!
Während meine beiden Begleiter am Mittwochmorgen Tallinns Altstadt erkundeten, blieb ich lieber noch im Hotel. Schlaf war mir deutlich wichtiger, schließlich kannte ich die estnische Hauptstadt bereits von mehreren früheren Reisen. Die legendäre Auswärtsfahrt ins Baltikum im Jahr 2019 werde ich euch übrigens auch noch einmal erzählen.
Am späten Vormittag machten wir uns wieder auf den Weg zum Flughafen, um unseren Mietwagen abzuholen. Dort stellte sich allerdings heraus, dass wir laut meiner Buchung eine Woche zu früh erschienen waren.
Ja, auch mir passieren Fehler.
Die falsche Reservierung wurde kostenlos storniert und wir bekamen einen Wagen und das auch noch günstiger als ursprünglich gebucht. So darf ein Missgeschick gerne enden.
Unsere erste Etappe führte uns entlang des Finnischen Meerbusens Richtung Saka Kivisilla Juga, einem kleinen, aber beeindruckenden Wasserfall an der Nordküste Estlands.
Der Wasserfall stürzt über die steile Kalksteinküste, den sogenannten Baltischen Glint, rund 20 Meter in die Tiefe. Diese mehrere hundert Kilometer lange Steilküste zieht sich durch große Teile Nordestlands und gehört zu den markantesten Landschaftsformen des Landes. Besonders faszinierend waren die verschiedenfarbigen Gesteinsschichten der Felswand. Millionen Jahre alte Kalk-, Sand- und Tonschichten wechseln sich hier ab und verleihen der Steilküste ein außergewöhnliches Farbenspiel aus Weiß-, Gelb-, Braun- und Grautönen. Zusammen mit dem herabstürzenden Wasser bot sich ein wunderschönes Bild.
Natürlich wollten wir uns den Wasserfall nicht nur von oben ansehen. Also stiegen wir den Weg bis hinunter zum Meer. Unten angekommen mündete der kleine Bach über den Sandstrand direkt in den Finnischen Meerbusen. Das leise Rauschen des Wassers, die imposante Steilküste hinter uns und das ruhige Meer vor uns machten diesen Ort zu einem perfekten Platz für eine kleine Pause. Viel touristischer hätte man ihn vermutet, tatsächlich waren wir dort fast alleine.
Anschließend setzten wir unsere Fahrt Richtung Osten fort. Bis zu unserem Tagesziel war es nun nicht mehr weit.
Dieses hieß Narva.
Die Stadt liegt unmittelbar an der Grenze zu Russland. Direkt gegenüber befindet sich die russische Stadt Iwangorod. Beide Städte werden lediglich durch den Fluss Narva getrennt, der an dieser Stelle kaum mehr als 80 bis 100 Meter breit ist. Während Narva heute rund 53.000 Einwohner zählt, leben in Iwangorod auf der russischen Seite etwa 10.000 Menschen. Selten liegen die Europäische Union und Russland so nah beieinander.
Unser erstes Ziel war die Hermannsfeste, die direkt am Grenzfluss liegt. Geparkt wurde unmittelbar bei der Grenzstation, die inzwischen ausschließlich für Fußgänger geöffnet ist. Russland schloss den Grenzübergang Anfang 2024 offiziell wegen Bauarbeiten für den Fahrzeugverkehr. Estland reagierte darauf mit massiven Betonhindernissen auf seiner Seite der Grenze, um unberechenbares Handeln der Russen zu unterbinden.
Schon am Parkplatz fiel uns auf, wie viele Menschen auf ihre Ausreise aus Estland warteten. Die Warteschlangen zogen sich über weite Strecken entlang des Grenzübergangs.
Wir schlenderten schließlich zur Hermannsfeste und blickten auf die gegenüberliegende Festung Iwangorod, über der gut sichtbar die russische Fahne wehte.
Die Hermannsfeste wurde im 13. Jahrhundert vom damaligen dänischen Königreich errichtet, nachdem Dänemark Nordestland erobert hatte. Sie diente jahrhundertelang als wichtiger Grenzposten gegen den Osten. Als Reaktion darauf ließ das Großfürstentum Moskau Ende des 15. Jahrhunderts direkt gegenüber die Festung Iwangorod errichten. Seither stehen sich beide Burgen praktisch Auge in Auge gegenüber – getrennt nur durch den schmalen Fluss Narva. Über Jahrhunderte wechselten beide Anlagen mehrfach ihre Besitzer. Mal herrschten Dänen, mal der Deutsche Orden, Schweden oder Russland über diese strategisch bedeutende Grenzregion. Kaum ein anderer Ort in Europa symbolisiert die wechselvolle Geschichte zwischen Ost und West so eindrucksvoll wie diese beiden Festungen.
Ich setzte mich ans Ufer des Flusses Narva und ließ meine Erinnerungen an meine zahlreichen Russlandreisen noch einmal Revue passieren. Für einen kurzen Moment rückte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine in den Hintergrund. Ich bereue bis heute nicht, Russland bereist und kennengelernt zu haben. Das Land besitzt eine faszinierende Geschichte, beeindruckende Landschaften. Auch wenn ich auf meinen Reisen nicht nur Positives erlebt habe, gehören diese Erinnerungen zu meinem Leben und ich denke gerne daran zurück.
Nun saß ich allerdings vor einer Grenze, die für mich praktisch unüberwindbar geworden war. Hauptsächlich deshalb, weil ich kein russisches Visum besitze. Doch selbst mit einem gültigen Visum wäre eine Reise heute für mich kaum noch vorstellbar.
Von einigen mir vertrauten Personen, die seit 2022 nach Russland eingereist sind, hörte ich von stundenlangen Verhören an der Grenze, teilweise sechs bis acht Stunden lang. Manche wurden trotz gültiger Papiere sofort wieder zurückgeschickt. Mobiltelefone werden abgenommen und kontrolliert, Fotos, Nachrichten und Kontakte durchsucht. Anschließend folgen Fragen zur politischen Einstellung oder zum Krieg gegen die Ukraine. Was soll man darauf antworten? Dass ich davon halte, dass täglich unschuldige Menschen sterben? Für mich wäre eine solche Reise derzeit unvorstellbar. Dagegen wirkt selbst die oft kritisierte Einreise in die USA entspannt.
Aus Neugier versuchte ich dennoch, mich mit meinem Handy in ein russisches Mobilfunknetz einzuloggen. Tatsächlich funktionierte es.
Keine paar Sekunden später erschien bereits eine SMS:
"Welcome to the MTS Network! Internet and SMS are temporarily blocked for 24 hours. To use the internet and SMS, turn off Wi-Fi and VPN and verify your SIM card."
Das tat ich selbstverständlich nicht. Mein Handy durfte ruhig wieder estnisches Netz empfangen.
Beim weiteren Rundgang fiel uns sofort die Beflaggung der Hermannsfeste auf. Dort hingen abwechselnd die Flaggen der Europäischen Union, Estlands und der Ukraine. Dieses Bild begegnete uns übrigens während der gesamten Reise immer wieder.
Überall im Baltikum wehen ukrainische Fahnen.
Natürlich sind sie ein Zeichen der Solidarität mit den Millionen Menschen in der Ukraine. Gleichzeitig sind sie aber auch Mahnung und Warnung. Die baltischen Staaten wissen aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, von Moskau beherrscht zu werden. Viele Familien erinnern sich noch an Deportationen, Unterdrückung und jahrzehntelange Besatzung. Deshalb ist die Unterstützung für die Ukraine hier besonders groß.
Was manche Putin-Unterstützer in Österreich dabei völlig außer Acht lassen, ist die Geschichte dieser Länder. Die Menschen im Baltikum mussten jahrzehntelang unter sowjetischer Herrschaft leben. Viele verloren Angehörige durch Deportationen nach Sibirien oder politische Verfolgung. Während manche westliche Kommentatoren ihre Ansichten ausschließlich aus russischer Propaganda beziehen, mussten die Balten die Folgen der Moskauer Herrschaft am eigenen Leib erfahren. Dieser Unterschied erklärt, warum die Angst vor Russland hier bis heute so präsent ist. Anschließend erkundeten wir die Stadt Narva noch etwas genauer. Narva ist mit rund 53.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Estlands und gleichzeitig die östlichste größere Stadt der Europäischen Union. Besonders auffällig ist ihre Bevölkerung. Rund 90 Prozent der Einwohner haben Russisch als Muttersprache. Estnisch hört man deutlich seltener. Tatsächlich vernahm ich während unseres Aufenthalts fast ausschließlich russische Gespräche. Wer hier zum ersten Mal unterwegs ist, könnte fast glauben, bereits Russland erreicht zu haben – wäre da nicht die EU-Flagge an nahezu jeder öffentlichen Einrichtung.
Gerade diese Mischung macht Narva so außergewöhnlich. Politisch gehört die Stadt klar zu Estland und damit zur Europäischen Union und zur NATO, kulturell und sprachlich ist der russische Einfluss jedoch bis heute deutlich sichtbar. Trotz der russischsprachigen Mehrheit fühlen sich die meisten Menschen heute als Teil Estlands und wünschen sich keineswegs eine Rückkehr unter Moskauer Kontrolle.
Nach unserem Aufenthalt in Narva führte uns die Reise weiter entlang des Peipussees (Peipsi järv), der die natürliche Grenze zwischen Estland und Russland bildet. Die Straßen schlängelten sich kilometerweit durch dichte Wälder. Endlose Kiefern- und Birkenwälder wechselten sich mit kleinen Mooren und vereinzelten Dörfern ab. Der Verkehr war erstaunlich gering, sodass man das Gefühl hatte, stundenlang allein durch die Natur zu fahren. Genau diese Ruhe machte den Reiz der Strecke aus.
Bemerkenswert war auch das Wetter. Während in Österreich an diesen Tagen Temperaturen von deutlich über 35 Grad herrschten, zeigte das Thermometer in Estland oft kaum mehr als 15 bis 18 Grad an. Teilweise lagen also fast 20 Grad Unterschied zwischen unserer Heimat und dem Baltikum. Nach den ersten Minuten im Pullover war ich darüber allerdings gar nicht mehr unglücklich – angenehmer konnte man einen Roadtrip kaum verbringen.
Am Abend erreichten wir schließlich unser nächstes Ziel: Tartu, die zweitgrößte Stadt Estlands.
mit rund 100.000 Einwohnern. Die Universitätsstadt gilt als geistiges und kulturelles Zentrum des Landes. Bereits 1632 gründete der schwedische König Gustav II. Adolf hier die Universität Tartu, die bis heute als renommierteste Hochschule Estlands gilt. Im Jahr 2024 durfte sich Tartu sogar Europäische Kulturhauptstadt nennen, völlig zurecht, wie wir noch feststellen sollten.
Nach dem Einchecken zog es uns direkt in die wunderschöne Altstadt. Rund um den Rathausplatz reihten sich liebevoll restaurierte Gebäude, gemütliche Cafés und Restaurants aneinander. Wir entschieden uns für ein Restaurant mitten im Zentrum und ließen den ersten richtigen Reisetag entspannt ausklingen.
Etwas gewöhnungsbedürftig war allerdings die Uhrzeit. Obwohl es bereits spät am Abend war, wollte die Sonne einfach nicht untergehen. Kein Wunder – wir befanden uns mittlerweile über 1.000 Kilometer nördlicher als Österreich. Die langen Sommerabende erinnerten mich sofort an die berühmten Weißen Nächte in St. Petersburg, die ich bereits mehrfach erleben durfte. Ganz so hell wie dort wurde es zwar nicht, doch auch in Tartu blieb es bis weit nach 22 Uhr erstaunlich lange taghell.
Am nächsten Morgen unternahmen wir noch einen kurzen Rundgang durch die Stadt, bevor wir unsere Reise Richtung Lettland fortsetzten. Anschließend musste natürlich auch noch getankt werden. Der Diesel kostete knapp 1,90 Euro pro Liter, Benzin war mit rund 1,80 Euro nur geringfügig günstiger.
Schon am Vortag hatte sich mein Reisestress bemerkbar gemacht. Ich musste nämlich feststellen, dass ich unser Hotel in Riga versehentlich einen Tag zu früh gebucht hatte.
Warum meine beiden Begleiter diesen Fehler bereits seit Tagen bemerkt hatten, ihn mir aber erst einen Tag vorher mitteilten, bleibt bis heute ihr Geheimnis.
Zum Glück genügte ein kurzer Anruf bei der Unterkunft. Das Zimmer wurde völlig unkompliziert und kostenlos auf den richtigen Termin umgebucht. Ein weiterer kleiner Beweis dafür, dass man Hotels auch ganz ohne Booking reservieren kann.
Nach unserer Ankunft in Riga brachten wir zunächst unsere Rucksäcke ins Hotel. Anschließend fuhren wir mit dem Mietwagen zum Flughafen, gaben diesen zurück und nahmen schließlich ein Taxi in den bekannten Badeort Jūrmala.
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