Auf der Transsibirischen Eisenbahn 2016
Warschau
Am Abend des 3. April 2016 ging ich von zu Hause los, um den nahegelegenen Bahnhof zu erreichen. Auf dem Rücken trug ich meinen vollgestopften Tramperrucksack. Eingepackt waren ein kleiner Rucksack, Wäsche, Schuhe, Körperpflegeausrüstung, mein Laptop, Getränke – und ganz wichtig: die Kamera für diese unvergessliche Reise.
Der kleine, zusammenlegbare Rucksack ist deshalb so praktisch, weil ich meinen großen, schweren Rucksack nicht ständig durch die Stadt schleppen wollte. Das große Gepäck kann man in der Unterkunft lassen, selbst wenn der Check-out schon zu Mittag ist und die Weiterreise erst am Abend erfolgt.
Für lange Zugfahrten empfiehlt es sich außerdem, eine bequeme Garnitur Kleidung mitzunehmen – so, wie es auch die Einheimischen tun. Ein leichtes T-Shirt und eine kurze Hose, fast wie zu Hause in den eigenen vier Wänden, sorgen für die nötige Entspannung und Abkühlung. Schlapfen sind dabei natürlich unverzichtbar.
Sollte Duschgel oder Zahnpasta vergessen worden sein – kein Problem. Auch im Osten gibt es all diese Artikel zu kaufen, oft sogar günstiger als im Westen. Getränke und Speisen sollten immer unter Berücksichtigung der Reisedauer eingepackt werden. Stilles Wasser eignet sich im Zug auch zum Zähneputzen. Bei den mitgebrachten Speisen sollte man darauf achten, dass sie die Wärme im Zug überstehen. Besonders beliebt sind Instantnudeln, die mit heißem Wasser aufgegossen werden können – dieses bekommt man in fast jedem Waggon kostenlos.
Ordnungsgemäß kaufte ich mir ein Zugticket der ÖBB nach Bratislava. Mein erstes großes Ziel war Warschau. Ich hätte auch direkt von Wien fahren können, doch die Fahrt ab Bratislava – mit Zustieg in den aus Wien kommenden Zug – war um gut 40 % günstiger.
Mit dem Regionalzug ging es in vertrauter Umgebung nach Bratislava-Petržalka, von dort mit dem Bus weiter zum Hauptbahnhof. Obwohl Bratislava nur wenige Kilometer von meiner Heimat entfernt liegt, verbinde ich diese Stadt mittlerweile stark mit dem Beginn meiner Reisen – auch wenn sie mit der Transsibirischen Eisenbahn eigentlich nichts zu tun hat.
Der Nachtzug aus Budapest war pünktlich. Schlafen konnte ich dennoch nicht sofort, da ich nach der Grenze zu Tschechien von Grenzbeamten – aufgrund der damaligen Flüchtlingskrise – zur Identitätsfeststellung geweckt wurde. Da fragte ich mich kurz: Sah ich etwa aus wie ein Flüchtling aus Syrien?
Um 7 Uhr erreichte ich die polnische Hauptstadt Warschau. Hier war ich in den letzten 25 Jahren bestimmt über ein Dutzend Mal. Natürlich kennt jeder jemanden, der schon einmal von Warschau erzählt hat – vielleicht sogar besser als ich. Dennoch möchte ich von diesem Aufenthalt berichten.
Seit dem EU-Beitritt 2004 hat sich in Polen enorm viel getan. Die Infrastruktur wurde landesweit verbessert, besonders das Autobahnnetz hat sich spürbar entwickelt. Ein Sorgenkind ist bis heute teilweise die Eisenbahn. Während Warschau moderne Projekte wie einen neuen Großflughafen vorantreibt, ist der Hauptbahnhof selbst kein architektonisches Schmuckstück.
Nachdem ich meinen großen Rucksack am Bahnhof eingeschlossen und gefrühstückt hatte, startete ich in den Tag. Direkt neben dem Bahnhof steht der imposante Palast der Kultur und Wissenschaft – oft auch „Stalins Erbe“ genannt. Der Bau wurde 1955 fertiggestellt, ist etwa 237 Meter hoch und war ein „Geschenk“ der Sowjetunion an Polen. Nach dem Ende des Kommunismus wurde mehrfach diskutiert, ihn abzureißen, da er für viele als Symbol der Unterdrückung galt – letztlich blieb er jedoch erhalten, weil er sich längst zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt hat.
Ein Aufzug führt hinauf zur Aussichtsplattform. Von dort blickte ich bei strahlendem Wetter über die Weichsel bis hin zum Stadion – beeindruckt davon, wie viel hier in den letzten Jahren neu gebaut wurde und wie modern sich die Stadt präsentiert. Der Ausblick ist wirklich ein Muss für jeden Warschau-Besucher.
Auch das Stadion von Legia Warschau ist von oben zumindest teilweise zu erkennen. Die Altstadt hebt sich durch ihre roten Dächer deutlich ab. Vor dem letzten Länderspiel Österreichs in Warschau traf ich dort oben eine Steirerin, die beim Blick auf die Dächer meinte: „Na des is wia Graz.“ Ein schöner Moment.
Warschau ist mit rund 1,8 Millionen Einwohnern die größte Stadt Polens und zugleich politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des Landes. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut – ein beeindruckendes Beispiel für Wiederaufbau und historischen Ehrgeiz. Auch Österreich hat historische Berührungspunkte mit Polen, etwa durch die gemeinsame Geschichte rund um König Jan Sobieski und die Türkenbelagerung Wiens 1683.
Dass mir die Gegend rund um den Bahnhof weniger gefällt als die Altstadt, liegt vielleicht daran, dass man dort gemütlicher ein Bier trinken kann – oder daran, dass sich dort das Königsschloss Warschau befindet. Dieses wurde im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört und in den 1970er- und 80er-Jahren detailgetreu rekonstruiert. Heute dient es als Museum und Symbol des polnischen Nationalstolzes.
Mein erstes Museum auf dieser Reise war das Museum des Warschauer Aufstandes. Es widmet sich dem Aufstand von 1944, als die polnische Heimatarmee versuchte, Warschau von der deutschen Besatzung zu befreien. Der Aufstand dauerte 63 Tage und endete tragisch mit der fast vollständigen Zerstörung der Stadt. Das Museum ist modern gestaltet und vermittelt die Ereignisse sehr eindrucksvoll und emotional.
Dort erhielt ich von einem Mitarbeiter spannende zusätzliche Informationen – nicht nur über den Aufstand, sondern auch darüber, dass Polen einst sogar zeitweise Einfluss auf Moskau hatte. Er erzählte das mit sichtbarem Stolz. Dabei hatte ich den Eindruck, dass die historischen Spannungen gegenüber Russland oft stärker empfunden werden als jene gegenüber Deutschland – ein Gefühl, das ich auch bei früheren Reisen durch Polen wahrgenommen hatte.
Während der Fußball-EM 2012 konnte man diese Spannungen teilweise spüren. Kurz vor der EM brachte ein Magazin eine fette Ausgabe über die Moskauer Verbrechen in Polen auf den Markt. Mit einem mir bekannten und gebürtigen Polen, der heute AFD Politiker im EU Parlament ist, besprach ich dieses Magazin. Was ich mich erinnern kann, meinte er nur, dass sich die Polen hier kein Blatt vor dem Mund nehmen würden. Eine Ausgabe von diesem Magazin habe ich mir gekauft. Während der EM 2012 habe ich nicht nur 2 Spiele in der Ukraine im Stadion verfolgt, sondern auch drei in Polen. Das Eröffnungsspiel in Breslau, Italien gegen Spanien in Danzig. Damals mussten die Pausenkasplern während dem Spiel auf die Tribüne gehen und sich setzen, weil das Spiel, obwohl es später das Finale sein sollte, bei weitem nicht ausverkauft. Und Italiens Sieg über Deutschland, als Balotelli die Deutschen nach Hause schickte Besonders der Auftritt der russischen Fans am 12. Juni sorgte für Ausschreitungen. Die historischen Wunden waren deutlich spürbar, und es kam zu heftigen Auseinandersetzungen.
Später ging ich noch zum Denkmal des Warschauer Aufstands, um diesen wichtigen Teil der Geschichte vor Ort auf mich wirken zu lassen.
Da das Stadion von Polonia Warschau in der Nähe liegt, schaute ich auch dort vorbei. Eigentlich war es mir diesmal gar nicht so wichtig, durch Warschau zu spazieren – es war eher ein Warten auf den Bus in Richtung Osten, der am späten Nachmittag abfahren sollte. Viel Zeit blieb also nicht.
Von früheren Aufenthalten wusste ich jedoch noch einiges: So besuchte ich einmal das Gelände des ehemaligen Warschauer Ghetto. Während der deutschen Besatzung war es das größte Ghetto Europas, in dem Hunderttausende Juden unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten. Heute erinnern Denkmäler und Fragmente der Mauern an dieses dunkle Kapitel der Geschichte.
Sehr interessant finde ich auch das Polnisches Militärmuseum. Dort wird die Militärgeschichte Polens von den frühen Zeiten bis in die Gegenwart dargestellt, mit zahlreichen Originalexponaten, Fahrzeugen und Flugzeugen im Außenbereich.
Um 16:30 Uhr fuhr schließlich mein Bus ab. Es war der einzige Abschnitt meiner Reise bis Wladiwostok, den ich nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus zurücklegte.
Wir überquerten die Weichsel, und dabei erblickte ich auf der rechten Seite ein großes „P“ kombiniert mit einem „W“ – das Symbol des Warschauer Aufstands, angebracht am Kopiec Powstania Warszawskiego. Dieser künstlich aufgeschüttete Hügel besteht aus Trümmern der im Krieg zerstörten Stadt und dient heute als Gedenkstätte. Von oben hat man zudem einen weiten Blick über Warschau.
Den restlichen Abend und die Nacht verbrachte ich im Bus, der zum Glück eher leer als voll war.
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