Almetjewsk
Transsibirische Eisenbahn 2016
Kazan… oder doch nicht?
Obwohl die Nachtzugfahrt nur neun Stunden dauern sollte, zog es mich in den Speisewagen. Natürlich waren dort – wie sollte es anders sein – alle Tische besetzt. Höflich, wie ich es von zu Hause gewohnt bin, fragte ich einen Mitreisenden, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. Er nickte, und ich wartete auf den Kellner.
Ich bestellte mein Lieblingsbier. Ja, mein Lieblingsbier kam tatsächlich aus Russland. Ja, ich habe dieses russische Bier geliebt: Baltika 7. Klar, Putin-Freunde kennen es nicht, woher auch. Deshalb hier eine kurze Erklärung: Baltika 7 ist ein in Sankt Petersburg gebrautes Lagerbier mit leicht malzigem Geschmack, einer milden Hopfennote und einer angenehmen, nicht zu starken Bitterkeit.
Viele, die mit mir in den letzten Jahren im Osten unterwegs waren, konnte ich problemlos überzeugen, dieses Bier zu probieren. Ich glaube, seit 2018 habe ich kein Baltika 7 mehr getrunken. Es wurde mir zwar 2024 in Kasachstan angeboten, aber ich lehnte ab.
Spätestens nach dieser Bestellung wusste jeder im Waggon: Der Typ ist Ausländer. Und genau das machte mich plötzlich interessant für mein Gegenüber. Später stellte er sich als Timur vor.
Voller Vorfreude nahm ich den ersten Schluck. Wohlverdient, immerhin war ich schon seit einer Woche unterwegs. Ich erzählte Timur, woher ich komme, wo ich bereits war und dass ich bis Vladivostok reisen möchte. Er war sichtlich erstaunt, da er selbst sein eigenes Land noch nie so ausgiebig bereist hatte.
Wir sprachen über alles Mögliche, sogar über Helene Fischer. Er war völlig verblüfft, dass sie so sauber Russisch spricht. Bei einem Zwischenhalt hatte er kurz Internet und ich zeigte ihm ein Video. Kaum verließ der Zug wieder das Stadtgebiet, war das Netz natürlich wieder verschwunden.
Wir tranken mehrere Biere, dazu gab es diese getrockneten Fische als Fingerfood, eine russische Spezialität. Anfangs dachte ich, das wären Chips. Ein zweites Mal griff ich allerdings nicht mehr zu.
Timur erzählte mir, dass er in der Ölbranche arbeitet und gerade zwei Wochen in Moskau im Einsatz war. Der Alkohol zeigte Wirkung und plötzlich wurde er sehr persönlich. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter (ich meine, sie waren zwei und vier Jahre alt – ganz sicher bin ich mir nicht mehr), aber er möchte sich von seiner Frau trennen, weil es bereits eine andere gibt.
Ich hätte einfach aufstehen und zurück ins Abteil gehen können. Aber dort durfte man kein Bier trinken. Also blieb ich sitzen, hörte zu und spielte Seelsorger. Gute Idee bei steigendem Alkoholpegel? Naja.
Dann machte Timur mir ein Angebot: Ich solle doch mit zu ihm nach Hause kommen. Ich fragte, wo er wohnt. Den Namen verstand ich nicht, hätte mir vermutlich ohnehin nichts gesagt. Also fragte ich, wie wir dorthin kommen würden. „Taxi“, meinte er.
Gut, Taxi klingt nach kurzer Strecke. Zur Sicherheit fragte ich nach dem Preis. Umgerechnet: sechs Euro. Sechs Euro Taxi, das kann nicht weit sein. Deal.
Vom Bier geprägt ließ ich mich erstaunlich leicht überzeugen. Timur brauchte an diesem Abend einfach jemanden zum Reden.
Der Kellner kam noch einmal vorbei und wir bestellten die letzte Runde. Der Speisewagen hatte zwar nicht durchgehend geöffnet, aber wer sich benehmen kann, darf sein Bier austrinken. Ob es 1 Uhr oder 2 Uhr war, ich weiß es bis heute nicht mehr.
Ich ging zurück ins Abteil und schlief ein.
06:17 Uhr – Ankunft in Kazan. Die Nacht war also noch kürzer als vorgesehen. Bettwäsche abgeben und kurz überlegen, ob sich das Ganze letzte Nacht gelohnt hatte. Müde und zerstört irrte ich über den Bahnhof und wollte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft machen.
Aber dann.
Glaubt mir: Das Letzte, was ihr frühmorgens am Bahnhof von Kazan hören wollt, ist euer eigener Vorname.
„Thomas! Thomas!“
Mist. Timur erinnerte sich noch.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als zu meinem Wort zu stehen. Ich stieg mit ihm und ein paar anderen in ein 7-Sitzer-Taxi. Vielleicht war es deshalb so günstig. Ich wollte einfach nur ein paar Minuten schlafen.
Wir hielten an, ich kam langsam zu mir und schaute auf die Uhr. Wir waren bereits seit 2 Stunden unterwegs! Ich hatte 2 Stunden geschlafen und nichts mitbekommen!
Und ich verstand gar nichts mehr.
Wir waren irgendwo im Nirgendwo. Ein Zementwerk, ein kleines Dorf in der Ferne, ein paar Hütten mit winzigen Shops und eine mehrspurige Fernstraße. Jetzt wurde mir klar: Irgendetwas stimmt hier nicht.
Wo waren wir? Wo war Timur? Und was zum Teufel machten wir hier? Von den anderen Mitfahren konnte keiner englisch.
Plötzlich kam er aus einem Shop zurück und brachte mir eine russische Zitronenlimonade. Genau das, was ich nach dieser Nacht brauchte.
Ich stellte ihm alle Fragen, die mir durch den Kopf gingen. Er erklärte mir, dass eine Mitfahrerin hier aussteigen würde und wir warten, bis sie abgeholt wird. Ja, find ich gut. Kein Problem.
Aber wer war sie überhaupt?
Timur meinte, er kenne sie nicht, wir seien in einem Sammeltaxi unterwegs. Die junge Frau war in Kazan, um nach einem Brautkleid zu schauen.
Ich blickte mich erneut um und war mir sicher, dass hier irgendwo eine Kamera versteckt sein musste. War das russische „Versteckte Kamera“? Nein. Er meinte das alles ernst.
Bis heute habe ich nicht herausgefunden, wo wir damals Pause gemacht haben.
Nachdem die zukünftige Braut abgeholt wurde und wir zwei Personen weniger im Auto hatten, ging die Fahrt weiter. . Ich wollte von Timur die Bestätigung, dass wir gleich da sein würden. Er war anderer Meinung!
Seine Antwort: „Noch zwei Stunden.“
Oh nein.
Er nannte mir zwar den Namen seiner Stadt, aber das war für mich ein kompletter Zungenbrecher. Insgesamt würde ich also etwa vier Stunden von Kazan entfernt sein.
Langsam machte ich mir Gedanken, wie ich überhaupt wieder zurückkommen würde. Einen Plan hatte ich definitiv nicht mehr.
Also machte ich das Beste daraus und ließ meinen Blick während der restlichen Fahrt aus dem Fenster schweifen. Grau und braun dominierten die Landschaft. Wir holperten über unebene Straßen, passierten kleine Dörfer mit bunt bemalten Holzhäusern, aus deren Schornsteinen Rauch aufstieg, während alte Ladas und rostige Lastwagen gemächlich vorbeizogen.
Mit der Zeit wurde mir klar: Vielleicht war diese spontane Entscheidung doch nicht so schlecht. Ich sah nun ein Russland, das man als Tourist normalerweise nie zu Gesicht bekommt, weit weg von Großstädten und Bahnlinien.
Nach rund vier Stunden erreichten wir schließlich Almetjewsk. Keine Sorge, ich kannte die Stadt vorher auch nicht.
Eishockey-Fans könnten sie allerdings kennen, da der lokale Verein schon seit Jahren in der zweithöchsten russischen Liga spielt.
Die Stadt Almetjewsk wurde 1953 gegründet und erlebte seinen Aufschwung durch die Entdeckung großer Erdölvorkommen in der Region. Das Dorf „Almet“ findet seine Wurzeln im 17. Jahrhundert. Heute ist sie eines der wichtigsten Zentren der Ölindustrie in Tatarstan, hat rund 150.000 Einwohner und ist stark von der tatarischen Kultur sowie dem Islam geprägt, was sich auch im Stadtbild und den Moscheen widerspiegelt.
Schon während der Fahrt durch die Stadt war mir klar: Mit Moskau oder Sankt Petersburg kann sie definitiv nicht mithalten. Plattenbauten, wohin man schaut. Schön ist anders. Touristen verirren sich hier vermutlich eher selten hin.
Oder kennt ihr jemanden, der schon einmal in Almetjewsk war?
Aber wie spricht man so etwas an, ohne den Gastgeber zu beleidigen?
„Alt ist deine Stadt nicht“, sagte ich schließlich.
Perfekt. Wirklich gut gerettet.
Er erklärte mir, dass mit dem Erdöl der Aufschwung kam und sich viele Menschen ansiedelten, daher die typischen sowjetischen Wohnblöcke.
Vor seinem Hochhaus nahm er noch schnell Zigaretten aus dem Auto. Zu Hause darf er nämlich nicht rauchen. Als ob das in ein paar Minuten niemand mehr riechen würde…
Ich schlug vor, dass er zuerst allein zu seiner Familie geht und ich später nachkomme. Keine Chance. Ich sollte direkt mit.
Also gut.
Die Wohnungstür stand bereits offen. Seine Töchter und seine Frau stürmten ihm entgegen und fielen ihm um den Hals. Wie er zu seiner Frau stand, wusste ich ja bereits vom Vorabend. Zu mir war sie jedenfalls unglaublich freundlich.
Sie kochte für mich. Ich saß also irgendwo in Russland, in einer Stadt, die ich vor wenigen Stunden nicht einmal auf der Karte hätte finden können, in einer privaten Wohnung und bekam ein frisch zubereitetes Mittagessen serviert. Wie genial!
Seine Frau behandelte mich wie einen Ehrengast, fast schon unangenehm, so viel Gastfreundschaft. Womöglich hat sie in ihrem Leben noch nie einen Ausländer gesehen. Auf alle Fälle nicht in ihrer Wohnung gehabt! Ihr Englisch war schlechter als meines, aber sie wollte unbedingt mit mir sprechen. Das tat sich auch, voller Begeisterung und immer wieder mit einem freundlichen Lächlen.
Nach dem Essen wollte Timur mir die Stadt zeigen. Wir schnappten uns einen Kinderwagen, die jüngere Tochter und machten uns auf den Weg. Kaum unten angekommen, kam der Anruf: Die ältere Tochter will auch mit!
Also kam seine Frau mit einem zweiten Kinderwagen hinterher.
Wir schlenderten durch Almetjewsk, vorbei an sowjetischen Denkmälern, kleinen Parks und einer großen Moschee, deren Minarett sich deutlich über die grauen Wohnblöcke erhob.
Die ältere Tochter zeigte wie sehr sie ihren Papa vermisst hatte und wollte von ihm getragen werden. Und den leeren Kinderwagen? Wer würde den schieben? Richtig. Ich.
Formation: Timur vorne, seine Frau und ich dahinter – jeweils mit einem Kinderwagen. War ich hier richtig?
Vor der Moschee wollte ich unbedingt ein Foto: seine Frau, zwei Kinderwagen und ich. Perfekt fürs Familienalbum!
Ich fragte Timur, wie sich Alkohol und der muslimische Glaube bei ihm vereinbaren lassen. Er erklärte, dass sie zwar regelmäßig in die Moschee gehen, Alkohol aber nicht komplett verpönt sei. Seine Frau trinkt allerdings nicht. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es ihr schlicht nicht schmeckt.
Nach diesem Spaziergang war es Zeit, Abschied zu nehmen. Mein Taxi nach Kazan wartete bereits. Wieder etwa sechs Euro.
Rückblickend war diese spontane Entscheidung, mitzufahren, eine der besten der gesamten Reise, ich durfte echte Gastfreundschaft im privaten Bereich erleben und einen Einblick in ein Russland bekommen, das gewöhnliche Touristen nie sehen werden.
Vier Stunden Autofahrt zurück lagen vor mir.
Timur lud mich zwar ein, eine Nacht zu blieben, da ich aber am Abend einen Termin in Kazan, musste ich los…
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