onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Birodidschan


<--- Chita


Es war für mich die längste Zugfahrt am Stück in meinem Leben. Über 40 Stunden brauchte der Zug von Chita nach Birodidschan. Zwei ganze Nächte verbrachte ich an Bord, dazu einen kompletten Tag und zwei angebrochene Tage – irgendwann verlor ich beinahe jedes Zeitgefühl. Bei längeren Stopps stieg ich, wie viele andere Passagiere auch, aus dem Waggon und beobachtete das bunte Treiben entlang der Strecke. Besonders erstaunlich fand ich, dass es an manchen Halten überhaupt keinen Bahnsteig gab. Stattdessen musste man direkt ins Gleisbett hinuntersteigen, teilweise fast zwei Meter tief. Das hielt jedoch niemanden davon ab, sich kurz die Beine zu vertreten oder frische Luft zu schnappen. Für mich war diese Fahrt aber keineswegs langweilig. 

Ich las in meinem Buch, ließ die Seele baumeln und ließ die Erlebnisse der vergangenen Woche noch einmal Revue passieren. Außerdem hatte ich mich in Chita gut eingedeckt und genügend Proviant für diese kleine Ewigkeit auf Schienen gekauft. So wurde die lange Reise zu einer Mischung aus Entschleunigung, Abenteuer und einer willkommenen Gelegenheit, einfach einmal nichts tun zu müssen.
Am Sonntagmittag erreichte ich schließlich Birodidschan und konnte den Zug endlich verlassen. Die Stadt zählt heute rund 70.000 bis 75.000 Einwohner und wurde Ende der 1920er-Jahre als Eisenbahnsiedlung gegründet. Ihren ungewöhnlichen Namen verdankt sie den Flüssen Bira und Bidshan. Berühmt wurde Birodidschan vor allem als Hauptstadt des Jüdischen Autonomen Gebiets, das die sowjetische Führung 1934 schuf. Die Idee dahinter war, den Juden der Sowjetunion eine eigene Heimat zu geben – allerdings nicht im Westen des Landes, sondern im dünn besiedelten Fernen Osten nahe der chinesischen Grenze. Gleichzeitig wollte man die abgelegene Region wirtschaftlich entwickeln und die Grenzgebiete stärker besiedeln. Obwohl sich viele Hoffnungen der Planer nie erfüllten, begegnet man dem jüdischen Erbe bis heute an vielen Ecken der Stadt.


Nachdem ich alle meine Sachen im Hotel verstaut hatte, machte ich mich am Nachmittag auf Erkundungstour durch die Stadt. Eine Nacht inklusive Frühstück kostete damals gerade einmal 26 Euro in einem Hotel mitten im Zentrum. Touristen aus dem Westen scheinen sich allerdings nur selten hierher zu verirren. Zumindest begegnete ich kaum ausländischen Reisenden, was bei der abgeschiedenen Lage der Stadt auch nicht weiter überrascht. Mein erster Eindruck war eine bemerkenswerte Ruhe – vielleicht lag es am Sonntag, vielleicht ist Birodidschan einfach generell ein entspannter Ort. Beim Freundschaftsdenkmal, das die Verbundenheit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen der Region symbolisiert, war kaum jemand unterwegs. Auch Lenin ließ es sich nicht nehmen, mich aus sicherer Entfernung zu begrüßen – wie so oft auf meiner Reise. Das Hauptverwaltungsgebäude wirkte von außen etwas in die Jahre gekommen, doch immerhin hatten die Verantwortlichen nicht an Klimaanlagen gespart. Besonders positiv überraschte mich die gepflegte Uferpromenade am Fluss Bira. Dort befindet sich auch das Denkmal „On the Bira Embankment“, das einen schönen Blick auf den Fluss und die Umgebung bietet. Auffällig waren die Straßenschilder, die sowohl in Kyrillisch als auch in Hebräisch beschriftet waren – eine Erinnerung an die besondere Geschichte der Stadt. Immer wieder hörte ich Lautsprecherdurchsagen von den Straßenlaternen. Verstanden habe ich zwar kein Wort, doch es klang nach Hebräisch oder Jiddisch und verlieh dem Ort eine ganz eigene Atmosphäre. An einer Sportanlage kam ich ebenfalls vorbei. Sie machte einen äußerst gepflegten Eindruck, auch wenn sie wohl kaum Austragungsort eines Erstligaspiels werden dürfte. Daneben entdeckte ich mehrere Kirchen, was erneut zeigte, dass das heutige Birodidschan weit vielfältiger ist, als der Name „Jüdisches Autonomes Gebiet“ zunächst vermuten lässt.


Besonders beeindruckt hat mich das Denkmal für die ersten Siedler. Es zeigt ein Pferdegespann mit seinen Pionieren und erinnert an jene Menschen, die Ende der 1920er-Jahre in diese abgelegene Region kamen, um hier ein neues Leben aufzubauen. Für mich gehört es zu den gelungensten Denkmälern der gesamten Reise. Es vermittelt nicht nur Bewegung und Dynamik, sondern erzählt auch eine Geschichte von Hoffnung, Entbehrung und Aufbruch. Wenn man davorsteht, kann man sich gut vorstellen, wie schwierig das Leben der ersten Siedler in dieser abgelegenen Gegend gewesen sein muss. Genau solche Denkmäler machen Geschichte greifbar und bleiben länger in Erinnerung als viele trockene Geschichtsbücher.
Am nächsten Morgen musste ich bereits sehr früh am Bahnhof sein, da mein Zug schon vor sechs Uhr morgens abfuhr…