Jekaterinburg
Dieser Streckenabschnitt ging nicht in den Osten, sondern in den Norden rauf. Nach nur 4,5 Stunden Fahrt für 8 Euro war ich vor 14 Uhr in Jekaterinburg. Was mich in den nächsten Stunden erwarten würde, konnte ich selbstverständlich noch nicht erahnen. Im Nachhinein gesehen bin ich froh, dass es so passiert ist, dass ich diese Einblicke in das russische Leben bekommen habe. Der Reihe nach.
Ich brachte meinen Rucksack in die Unterkunft. Das war für mich einfach, da ich mir zu Hause immer Screenshots gemacht habe und mir den Weg ganz genau aufgeschrieben habe. Alles ausgedruckt. Sollte dennoch etwas schiefgehen, standen die Adresse (auf russische) und Telefonnummer der Unterkunft dabei, damit ich notfalls Passanten fragen könnte.
Jekaterinburg ist eine der größten Städte Russlands mit über 1,4 Millionen Einwohnern. Sie liegt am östlichen Rand des Uralgebirges, also genau an der Grenze zwischen Europa und Asien. Durch die Stadt fließt der Fluss Isset. Die Stadt ist historisch bedeutend, unter anderem weil dort der letzte Zar Nikolaus II. und seine Familie 1918 ermordet wurden. Außerdem ist sie die Heimatstadt von Boris Jelzin, dem ersten Präsidenten der Russischen Föderation.
Neben der Unterkunft ist ein kleines Stadion. Als Fußballfan musste ich natürlich dorthin und Fotos machen. Ist doch nichts dabei, wenn man ein Stadion fotografiert.
Gemütlich spazierte ich durch die Stadt, mit einem Ziel. Ich wollte zum Stadion, welches für die Fußball-WM 2018 noch im Bau war. Vielleicht sieht man ja etwas.
Außer Kränen und der Baustelle, die von den berühmten Betonwänden, die wiederum Stacheldraht trugen, umstellt waren, sah ich nicht viel. Diese Betonwände sieht man in beinahe allen Staaten der zusammengebrochenen Sowjetunion. Je nach Typ sind diese 2–4 Meter hoch, mit glatter Oberfläche und komischen Mustern darin.
Darüber klettern? Nein! Unmöglich! Man kann sich an diesen Wänden nicht festhalten. Springen, an der Oberkante festklammern und hochziehen würde gehen, aber da war wieder der Stacheldraht.
Ich wollte einen Blick hineinwerfen, um zu sehen, wie weit die Bauarbeiten bereits fortgeschritten waren. Kleiner Funfact: Das Stadion wurde weder 2018 fertig, noch ist es heute vollständig fertiggebaut. Bis heute sind große Teile der Hintertortribünen unüberdacht, was einem das Gefühl gibt, als wäre man gar nicht im Stadion.
Aber wie sollte ich diese hohe Mauer mit meinen Blicken überwinden? Klettern – nein. Springen – nein.
Meine Kamera! Das war die Idee!
Ich streckte mich hoch, die Kamera mit ausgeklapptem Bildschirm in der Hand und konnte ein wenig in die Baustelle sehen. Viel war nicht zu erkennen, dennoch drückte ich auf den Auslöser.
Plötzlich kam ein Security schimpfend daher. Ich erklärte ihm, dass er nicht schimpfen soll, denn ich würde ihn sowieso nicht verstehen. Er machte mir klar, dass ich mit ihm mitkommen sollte.
Was sollte schon passieren? Würde er mir das Stadioninnere zeigen wollen? Ich hätte davonlaufen können. Aber warum? Weil ich das Stadion fotografiert habe?
Ich wurde in einen Baucontainer gebracht, der als Eingang zur Stadionbaustelle diente. Es waren auch Überwachungsbildschirme da – also war klar, warum ich ertappt wurde.
Bis der Supervisor kam, kamen und gingen Bauarbeiter ein und aus, durch eine Drehtür, die sie per Ausweis öffneten. Ich wartete.
Der Supervisor musste sich selbst überzeugen, dass ich kein Russisch spreche. Meine Frage, ob ich jetzt wieder gehen dürfe, wurde zwar verstanden, aber abgelehnt.
Ich wusste nicht, was mich erwartet.
Nach ein paar Minuten kamen tatsächlich zwei Polizisten und eine Polizistin.
Aber nicht so, wie wir sie in Österreich bei Verkehrskontrollen kennen.
Alle drei hatten Helme auf, Splitterschutzwesten an und hielten Langwaffen einsatzbereit vor sich.
Welche Meldung muss da an die Polizeileitstelle gegangen sein?
Angst hatte ich keine. Aber diese Dummheit, die noch lange nicht vorbei war, sondern gerade erst begann, würde sich noch über Stunden ziehen.
Auch sie mussten sich nochmals überzeugen, dass ich kein Russisch spreche. Man wollte meinen Reisepass sehen, den ich der Polizistin aushändigte. Sie funkte herum und gab meine Daten durch.
Da sagte die Polizistin in einem ihrer Sätze tatsächlich „tridtsat dva“.
Das musste ich mir aber nicht gefallen lassen!
Ich erwiderte bestimmt: „Njet! Tridsat odin!“
Vollkommen verwirrt fragte sie mich etwas, vermutlich, ob ich doch Russisch spreche. Ich antwortete erneut: „Njet“.
Sie wieder: „tridtsat dva“.
Ich wieder: „Njet“.
Sie wurde unfreundlich, schrie wütend herum und fragte wieder etwas, das ich nicht verstand. Ich nahm meinen Reisepass und zeigte ihr, dass ich erst in der zweiten Jahreshälfte Geburtstag habe und deshalb 31 bin und nicht 32, wie sie die ganze Zeit behauptete. Kann sie nicht rechnen?
Sie war mir etwas komisch, insbesondere ihre Frisur, die ich wohl mein Leben nie vergessen werde. Sie sah aus, als hätte sie zu Hause einen Kochtopf auf den Kopf gesetzt und entlang des Topfrandes die Haare abgeschnitten. Dazu ihre Uniform, die ihr wie angegossen passte. Runter fallen durfte ihr nichts!
Das waren meine Gedanken, fern der Situation oder dessen, was noch auf mich zukommen würde. Kommunikation gab es praktisch keine.
Die drei befahlen mir mitzukommen. Vor dem Container stand ein Polizeikastenwagen. Die „Kochtopfbeamtin“ öffnete hinten die Flügeltür und ich sah eine kleine Holzbank. Die Fenster waren vergittert. Unmissverständlich wurde mir klar gemacht, dass das jetzt mein Platz wäre.
Im wunderschönsten burgenländischen Dialekt sagte ich:
„Des is jetzt owa net eicha Ernst.“
Ich stieg nicht ein.
Die drei berieten sich kurz und entschieden, dass ich vorne in der zweiten Reihe Platz nehmen durfte. Ein Polizist fuhr, die Kochtopfbeamtin saß am Beifahrersitz und der zweite Polizist hinten neben mir, getrennt von einem Stapel Zeitungen und Magazinen. Die würden sie wohl brauchen, wenn einmal Langeweile im Dienst herrscht.
Aber von Langeweile keine Spur, denn da hatte ja jemand das Stadion fotografiert und da kennt man in Russland keinen Spaß.
Ich weiß nicht, wo wir überall herumfuhren, sah aber immer zur Beamtin hin, die ständig meinen Reisepass fotografierte und diese Bilder tatsächlich in diversen WhatsApp-Gruppen teilte. Ich konnte es nicht fassen, wie sie mit meinen Daten umging. Dennoch blieb ich still.
Man kann sich denken, dass keine dieser WhatsApp-Gruppen den Namen „Tinder“ oder „Single-Chat“ trugen.
Wir hielten und stiegen aus. Schnell stellte ich fest, dass das der Innenhof einer Polizeistation war. Im Gebäude beim Empfang musste ich Platz nehmen und wartete und wartete.
Polizeistationen von Innen in ehemaligen Sowjetstaaten kannte ich bereits aus der Ukraine und Kasachstan. Während meiner Wartezeit wurde ein festgenommener Mann angeliefert. Aber nicht wie bei uns mit Handschellen. Nein, er musste beide Hände ständig in die Höhe halten, was er auch tat (undenkbar bei uns!), und wurde dann in ein Zimmer gebracht.
Nach einer Zeit kam dann jemand im schwarzen Gewand. Ein kleiner Mann, vielleicht 1,60 Meter groß, vielleicht 50 kg, vielleicht etwas älter als ich, aber er sprach Deutsch. Ostdeutsch!
Aus Erfahrungen aus dem Jahr 2004, als mich damals in Dnjepropetrovsk ein ehemaliger KGB-Beamter stundenlang verfolgte und ich ihn damals als Saufkumpanen einstufte, der keinen Alkohol trank, war ich diesmal von Anfang an vorsichtiger. Dennoch hatte ich eine Art Vertrauen in ihn, obwohl ich wusste, dass er gegen mich arbeitete. Ich nannte ihn für mich „Giftzwerg“.
Er erklärte mir, dass ich vernommen werden sollte und es etwas dauern würde, da einige Personen dazu geholt werden müssten. Da ich kein schlechtes Gewissen hatte, nahm ich das locker und fragte, ob wir eine rauchen gehen könnten.
Wieder im eingemauerten Innenhof, der eine eigene Raucherecke hatte, sprachen wir weiter. Ich wusste, worum es geht: Ich wusste, dass ich nicht sagen darf, was ich denke, sondern das sagen muss, was er hören möchte.
So fragte er mich auch über den russischen Krieg in der Ostukraine, der zu dieser Zeit bereits seit über einem Jahr wütete. Wer hier kein Verständnis hat, warum ich meine Person schützte und nicht die „unumstrittene Realität“, versteht auch nicht, wie es mit der russischen Polizei so läuft.
Wir waren sehr lange im Innenhof, mehr als zwei-drei Zigaretten. Der Giftzwerg erzählte mir, wie wichtig es für ihm sei, dass Männer ihr Land mit der Waffe verteidigen können. Hier merkt man, wie die Menschen dort wirklich ticken.
Ich konnte ein ständiges Kommen und Gehen in dieser Polizeistation beobachten. Selbstverständlich erklärte ich ihm auch, dass ich nur das Stadion fotografiert hätte und die Transsibirische Eisenbahn fahren wolle.
Wir mussten wieder hinein und ich erschrak, als ich acht weitere (!) Männer in schwarzen Anzügen sah. Einer stach besonders heraus: fast zwei Meter groß, durchtrainiert, wie ein Kasten. Mir wurde mulmig.
Jetzt war Schluss mit lustig.
Sie unterhielten sich, vermutlich über mich. Ich saß da, wartete und wusste nicht, was passieren würde.
Plötzlich kam tatsächlich ein Typ in Polizeifeiertagsuniform herein! Mit „Pizza-Kappe“ am Kopf. Am Sakko trug er alle seine Auszeichnungen stolz. Er wirkte mongolisch-tatarisch, war gut genährt, aber nicht besonders groß. Er war der Chef!
Respekt hatte ich keinen vor ihm, eher Bauchschmerzen, weil ich mir beim Anblick seines Outfits das Lachen verkneifen musste. Der konnte unmöglich allein wegen Qualifikation Chef dieser Polizeistation sein. Eher durch Parteitreue.
Er kam zu mir, sagte etwas, das ich nicht verstand und ging wieder weiter. Das war also der oberste Chef der Polizeistation. Dass er sich dafür sogar seine Feieruniform anzog, fühlte ich mich fast geehrt.
Ich wurde in einen Raum gebeten, der über 20 m² groß war. In einer Ecke stand ein alter Bürosessel ohne Armlehnen, die Rückenlehne bereits halb kaputt. Ich musste mich dort hinsetzen, in die Ecke und die neun Männer – höchstwahrscheinlich alle Geheimdienstmitarbeiter – stellten sich vor mich.
Und das nur, weil ich ein Stadion fotografiert hatte?
Oder war da noch etwas, von dem ich nichts wusste?
Jeder hatte einen Block und Kugelschreiber in der Hand. Ohne Rechtsbeistand, ohne Aufklärung über meine Rechte, ohne Möglichkeit, die österreichische Botschaft zu kontaktieren, obwohl Russland im Rahmen der Wiener Konvention 1967 das Recht auf konsularische Hilfe anerkennt, begann die Vernehmung.
Das lief systematisch ab: Der Erste fragte, der „Giftzwerg“ übersetzte, ich antwortete. Alle schrieben mit. Dann der nächste. Und so weiter.
Es waren drei oder vier Runden.
Ich wurde gefragt, für wen ich arbeite, warum ich in Russland bin, woher ich das Geld habe, wer meine Eltern sind, was sie arbeiten, welche Tattoos ich habe, wie viele SIM-Karten ich benutze, warum ich diese Tat begangen habe, ob ich Internet am Handy habe und wo ich in Jekaterinburg schlafe.
Besonders heikel war die Frage, wie ich meine Unterkunft gefunden habe.
„Ganz einfach, im Internet“, sagte ich.
Das reichte ihnen nicht. Was meinten sie? Etwa den Weg dorthin?
Also sagte ich: „Ich bin bei der U-Bahn ausgestiegen und bin die paar Meter zur Unterkunft gegangen.“
Auch das passte ihnen nicht. Keine Ahnung, was sie hören wollten.
Der Kasten, der besonders aggressiv war, näherte sich mir und zeigte mit seinem Kugelschreiber auf meine Jeans, auf der ein kleiner Staubfleck war, kleiner als ein Handy. In seiner Fantasie war das ein „heiße Spur“.
Dieser Staub sollte beweisen, dass ich die über zwei Meter hohe Betonwand überwunden und den Stacheldraht überklettert hätte.
Dass weder meine Jeans noch ich irgendwelche Schnitt- oder Blutspuren vom Stacheldraht hatten, interessierte ihn nicht.
Die ganze Zeit schaute er mir kein einziges Mal ins Gesicht. Er hasste mich. So sehr, dass ich das Gefühl hatte: Wäre ich mit ihm allein in einem Raum gewesen, hätte er mich mit bloßen Händen getötet. Und er hätte das auch geschafft. Das ließ er mich spüren.
Aber warum? Hatte er an diesem Abend etwa ein Date und habe ich ihm das versaut? Wenn ja, gern geschehen! Während der Fragerunde stürmte der Chef wieder herein und brüllte mich an. Ich hatte weiterhin keinen Respekt vor ihm, die Geheimdienstmitarbeiter hingegen schon. Sogar der Kasten!
Er hatte in meinem Reisepass zwei „Unregelmäßigkeiten“ gefunden.
Zuerst das türkische Visum von 2016, als ich die Austria ins Trainingslager nach Antalya begleitet hatte. Die Türkei war damals für Russland ein rotes Tuch, nachdem der NATO-Staat 2015 einen russischen Bomber (Su-24M) abschoss. Damals waren dann plötzlich alle türkischen Paradeiser für den russischen Markt gesundheitsgefährdend. Ein Teil der russischen Propaganda, eben um die Türkei zu schwächen. Diese Form der Propaganda wirkt aber bis heute. Spätestens als 2018 Turkish Airlines Sponsor vom Eishockey Klub Spartak Moskau wurde, war wieder alles vergessen.
Dann fand er noch etwas: Ein Russland-Visum von 2011, bei dem ein Grenzbeamter in St. Petersburg bei der Einreise ein falsches Datum gestempelt hatte. Dadurch sah es so aus, als wäre ich einen Tag zu früh eingereist.
Aber was kann ich dafür, dass russische Beamte offensichtlich nicht in der Lage sind, einen Stempel richtig einzustellen?
Die Befragung endete.
Es war bereits dunkel und der Chef wurde immer unfreundlicher. Ich verstand wenig, aber das, was ich verstand, reichte: „Territorium Stadium, Sabotasch, Spionasch“.
Das wurde mir immer wieder vorgehalten.
Zur Erinnerung: Ich hatte nur ein Stadion fotografiert.
Irgendwann reichte es mir und ich sagte ihm, dass ich nicht im „Territorium Stadion“ gewesen sei. Ich zeichnete es ihm sogar auf einen Zettel.
Er antwortete nur höhnisch: „I understand you.“
Wenige Sekunden später wieder die gleichen Vorwürfe.
„Territorium Stadium, Sabotasch, Spionasch.“
Jetzt verstand ich auch, warum sich Geheimdienstmitarbeiter mit internationaler Erfahrung meiner annahmen und nicht einfache Polizisten.
Aber wer hatte diese Lüge verbreitet? Und warum?
Und so funktioniert die russische Propagandamaschinerie bis heute. Etwas Kleines ist passiert, ein paar Lügen dazu und fertig ist das russische Produkt! Ich durfte es selbst erleben!
Was mich wunderte: Man durchsuchte mich gar nicht. Weder meine Hosentaschen noch meinen Rucksack. Was für mich natürlich besser war, denn im Rucksack befand sich noch ein Keks, den ich wenige Wochen zuvor im Zuge eines NATO-Einsatzes im Kosovo bekommen hatte. Am Handy, das ebenfalls nicht kontrolliert wurde, wären einige Fotos vom NATO-Einsatz zu finden gewesen. Das hätte noch zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Aber vielleicht waren die Typen geistig noch nicht so weit.
Die Kamera wollten sie sehen, genau die Fotos vom Stadion. Mir wurde befohlen, diese zu löschen, was ich auch tat. Von einem Wiederherstellungsprogramm für gelöschte Dateien hatten diese Geheimdienstmitarbeiter offenbar noch nie gehört. Russland eben.
Es gesellte sich eine ältere Frau mit roten Haaren zu uns. Sie stellte sich nicht vor und beachtete mich zunächst nicht, obwohl sie offensichtlich wegen mir da war. Wer war sie?
Mit dem „Giftzwerg“ konnte ich Deutsch sprechen, mit anderen Englisch.
Ein Polizist sagte wieder etwas, ich bat den Giftzwerg zu übersetzen. Da meldete sich die Rothaarige plötzlich auf Deutsch.
Verwundert fragte ich sie, ob sie gut Deutsch versteht.
„Ja.“
Mehr kam nicht.
Ich fragte, warum sie hier sei. Sie stellte sich nun als Mitarbeiterin des österreichischen Honorarkonsulats vor. Ich wusste gar nicht, dass Österreich hier eine Vertretung hat und sagte ihr das auch.
Unfreundlich wies sie mich darauf hin, dass ich mich glücklich schätzen könne, da die Botschaft in Moskau sei.
Mir egal. Als EU-Bürger habe ich das Recht auf konsularische Hilfe durch andere EU-Staaten, wenn mein eigenes Land keine Vertretung hat. So viel zu den „Öxit“-Rufern.
Unsere Gruppe wurde immer größer.
Dann kam ein Mann dazu, der sich als Rechtsanwalt vorstellte und mit mir am Gang ein Sechs-Augen-Gespräch führen wollte. Er, die Rothaarige und ich. Der Giftzwerg drängte sich ohne Einladung dazu, um mitzuhören, wurde aber vom Rechtsanwalt zurechtgewiesen und entfernt. Russland eben.
Ich bat den Rechtsanwalt um die Videos vom Stadion, die beweisen könnten, dass ich nicht im Stadioninneren war und keine Mauer überwunden hatte. Er sagte, er würde sich darum kümmern.
Ich machte mir langsam Gedanken, wann ich hier endlich rauskomme. Immerhin waren schon mehrere Stunden vergangen.
Doch die Runde war noch nicht vollständig.
Es kam noch ein weiterer Mann dazu, der sich als Rechtsanwalt Nummer zwei vorstellte.
Ich fragte die Rothaarige, wer dieses Theater bezahlt. Sie erklärte mir, dass ich diese „Vorstellung“ kostenlos bekomme.
Danke.
Rechtsanwalt Nummer zwei wollte ein Acht-Augen-Gespräch und zeigte wieder das typisch russische Bild.
Der Giftzwerg wusste bereits, dass er dabei nicht erwünscht war.
Die Fragen von Rechtsanwalt zwei sorgten bei mir für Verwirrung.
Die erste Frage war, ob ich mit diesem Fall an die Medien gehen möchte.
Ich erklärte ihm, dass ich die Transsibirische Eisenbahn fahren und Russland erleben möchte. Ihn interessierte aber nur, ob ich den Fall in die Medien bringen würde.
Es war klar, er war nicht auf meiner Seite.
So ist das in Russland. Da fällt dir der eigene Rechtsanwalt offen in den Rücken!
Die Zeit verging und plötzlich wurde etwas zur Rothaarigen gesagt, was sie in Rage brachte. Sie antwortete nur mit einem wütenden Seufzer.
Ich wollte wissen, was gesagt wurde. Sie übersetzte: Die Beamten hätten soeben zugegeben, dass diese Mauer tatsächlich unüberwindbar sei und dass man auf den Videos sehe, dass ich nicht im Stadion war. Die Videos waren aber nicht in der Polizeistation! Nein, das muss man sich mal vorstellen! Es mussten Beamte wieder zum Stadion fahren und dort das Bildmaterial auswerten. Ohne Bildmaterial kamen sie auch wieder zurück. Wie arbeiten die in Fällen, wenn es wirklich um etwas geht? Also haben nur sehr wenige jemals die Videos gesehen. Ich nicht. Somit waren alle Vorwürfe enthärtet!
Super. Danke.
Durfte ich jetzt gehen? Nein.
Man wollte trotzdem noch eine Niederschrift aufnehmen.
Dann kam ein neues Gesicht dazu. Etwa der dritte Anwalt für mich?
Nein.
Ein sehr freundlicher, deutschsprachiger Mann stellte sich als Vertreter des Innenministeriums vor.
Ich erklärte den Sachverhalt erneut.
Zusammenfassend: neun Geheimdienstmitarbeiter, zwei Rechtsanwälte, der Polizeichef in Festtagsuniform, eine Botschaftsvertreterin, mehrere Polizisten und ich.
Die Niederschrift konnte endlich starten.
Oder doch nicht?
Nein.
Denn die Rothaarige weigerte sich plötzlich, als Dolmetscherin zu arbeiten, weil sie kein Zertifikat hatte.
Will sie mich verarschen?
Wir hätten längst die Niederschrift machen und alle nach Hause gehen können.
Aber nein, jetzt mussten noch zwei zertifizierte Dolmetscher organisiert werden.
Warten auf Dolmetscher. Unglaublich diese Organisation! Warum stellte mir der russische Staat nicht gleich einen Dolmetscher zu Verfügung?
Nach einiger Zeit kamen tatsächlich zwei Frauen und es konnte endlich losgehen.
Wir gingen in einen Raum, in dem ich vorher noch nie war, obwohl ich bereits einige Ecken dieser Polizeistation gesehen hatte.
Der Raum war etwa fünf Meter tief und drei Meter breit. Gegenüber der Tür waren zwei Fenster. Es war ein Raum für zwei Beamte, deren Tische so standen, dass sie sich gegenüber saßen, von ihnen links und rechts jeweils Fenster bzw. Tür.
Vor diesen Tischen stand ein weiterer Tisch – für mich. Ich konnte meine Beine nicht darunterstellen, weil er komisch positioniert war.
Da an einem Tisch niemand saß und am anderen die zwei Dolmetscher, dahinter die beiden Anwälte, entschied ich mich so zu setzen, dass ich alle vier im Blick hatte. Daneben standen die Rothaarige und der Innenministertyp. Auch der Polizeichef in seiner Feiertagsuniform war dabei, der sich durch diesen Vorfall wohl schon eine weitere Ehrung ausgemalt hatte. Natürlich auch einige Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter.
Aber wer würde jetzt schreiben?
Omg. Der Kasten.
Der Kasten wurde tatsächlich zum Schreiberling eingeteilt.
Gut, was soll’s.
Nach über fünf Stunden konnte es endlich losgehen.
Nein, kein Computer wurde eingeschaltet.
Er nahm ein Blatt Papier.
Sicherheitsschutz vor den USA? Nicht auszudenken, wenn die USA erfahren würden, dass ich in Russland ein Stadion fotografiert habe.
Der Kasten, ah Schreiberling legte das Papier nicht gerade, sondern bewusst leicht nach links gedreht, etwas, das ich so noch nie gesehen habe und begann zu schreiben.
Obwohl so viele Menschen im Raum waren, herrschte absolute Stille. Man hörte nur den Kugelschreiber über das Papier kratzen.
Als er fertig war, hob er den Kopf Richtung Dolmetscher und stellte eine Frage. Diese wurde an mich weitergegeben:
„Können Sie Ihren Reisepass vorweisen?“
Das war für mich fast schon Provokation, aber mir egal. Ich kann auch provokant!
Ich wollte, dass alle im Raum meine Antwort verstehen.
Ich antwortete klar und deutlich auf russische: „Njet!“
Binnen Sekunden brach Chaos aus.
Der Schreiberling schlug mit voller Wucht den Kugelschreiber mit seiner Handfläche auf den Tisch. Alle begannen durcheinander zu schreien.
Ich blieb ruhig sitzen und störte mich nicht daran. Gehört wohl zum Theater!
Es dauerte, bis sich alles beruhigte.
Dann die nächste Frage: Warum ich meinen Pass nicht vorweisen könne.
Ich erklärte, dass ich vor über fünf Stunden festgenommen wurde und mein Pass mir abgenommen wurde und ich ihn seither nicht mehr gesehen habe und ihn aber gerne zurückhaben würde.
Ich erinnerte auch daran, dass die Kochtopf-Beamtin meine Passdaten in WhatsApp-Gruppen verschickt hatte.
Die Übersetzung führte erneut zu Chaos. Mehrere Personen schauten sich an, als würden sie fragen: „Hast du seinen Pass gesehen?“
Die Vernehmung musste also frühzeitig unterbrochen werden. Jetzt mussten die Idioten tatsächlich meinen Pass suchen.
Das war für mich endgültig der Moment, in dem ich das Ganze als Kasperltheater einstufte.
Nach einigen Minuten wurde mein Pass gefunden und es ging weiter.
Wieder wurden mir Fragen gestellt, zum Beispiel von welchem Verein ich Fan bin. Da ich von Wisła Krakau noch die Fan-ID in meinem Geldbörsel hatte, die ich damals für das Krakau-Derby gebraucht hatte, gab ich mich als Wisła-Krakau-Fan aus und bestätigte das auch mit dieser Karte. Es wurde so vermerkt.
Und wieder die Fragen, ob ich ein Hooligan bin, woher ich das Geld für die Reise habe usw.
Besonders wichtig war für mich die Frage, ob ich überhaupt wisse, dass in diesem Stadion gar keine Spiele stattfinden.
Meinten die diese Frage ernst? Überall Baukräne und es wird nicht Fußball gespielt. Aha.
Ich hätte einfach antworten können, aber das wollte ich bei diesem Theater nicht. Also fragte ich gleich, wo das Ersatzstadion von Ural Jekaterinburg ist.
Bevor die Dolmetscherin das übersetzen konnte, unterbrach die Rothaarige und sagte: „Nein, das werden wir Ihnen bestimmt nicht sagen!“
Schade.
Die Niederschrift war nicht lang, drei oder vier Seiten.
Würde das das Ende des Spektakels sein?
Nein.
Jetzt musste ich noch fotografiert werden.
Mugshots, diese Verbrecherfotos, wollte man noch von mir machen. Vielleicht als Erinnerung an einem gemeinsamen netten Abend?
Ich bekam ein Schild mit mehreren Ziffern, die man einzeln umblättern konnte. Keine Ahnung, welche Nummer ich zugeteilt bekam. Ich musste das Schild so halten, dass der Fotograf es sehen konnte und wurde von vorne, links und rechts fotografiert.
Fertig?
Nein.
Fingerabdrücke brauchten sie auch noch.
Aber nicht wie bei uns digital.
Meine Finger und Daumen wurden in eine schwarze Stempelkiste gedrückt und dann auf ein Formular verewigt.
Geschafft.
Sechs Stunden nach meinem Stadionfoto war ich wieder frei.
Aber wo war ich eigentlich?
Beim Empfang der Polizeistation breitete ich meine Stadtkarte aus und wollte wissen, wo wir überhaupt sind. Man glaubt es nicht, aber die Beamten konnten ihren eigenen Polizeiposten auf der Stadtkarte nicht finden.
Haben die noch nie einen Stadtplan von Jekaterinburg gesehen?
Ich wollte wissen, wie ich zurück zur Unterkunft komme.
Der Innenministerium-Mann bestand förmlich darauf, mich fahren zu dürfen. Ich nahm das Angebot an.
Nicht von allen, aber vor allem von der Rothaarigen verabschiedete ich mich mit dem Hinweis, dass wir uns in zwei Jahren bei der WM wiedersehen würden. Moldawien, Georgien, Wales, Irland und Serbien sollte ja machbar sein. Österreich scheiterte dann aber bereits in der Qualifikation kläglich.
Sie wünschte mir viel Glück auf meiner Reise und bat mich, keine Stadien in Russland mehr zu fotografieren.
Ich stieg in den alten Mercedes des Innenministerium-Mannes und wir fuhren durch das schlafende Jekaterinburg.
Mehrfach entschuldigte er sich für diese stundenlangen Unannehmlichkeiten und bat mich immer wieder, auch in Zukunft nach Russland zu kommen.
Ich nahm alles locker, denn so eine Vernehmung, bei der der Polizeichef die Feiertagsuniform anzieht, bekommt man nicht jeden Tag.
Auf den Straßen war nichts mehr los.
Er zeigte mir die beleuchtete Blutskirche.
Die Kirche auf dem Blut (Church on the Blood) wurde an der Stelle errichtet, an der Zar Nikolaus II. und seine Familie 1918 von den Bolschewiki ermordet wurden. Der Bau begann 2000 und wurde 2003 fertiggestellt. Die Kirche ist heute eines der wichtigsten russisch-orthodoxen Erinnerungsdenkmäler und zieht viele Pilger an.
Wir kamen auch an einem Café namens „Mozart“ vorbei. Stolz machte ich ihn darauf aufmerksam. Er kannte Mozart!
Er war sehr bemüht, das Geschehene vergessen zu lassen.
Wir sprachen viel, auch über die Kriminalität in Jekaterinburg. Dabei passierte ihm ein kleiner Versprecher: Er sagte, die Stadt sei sehr sicher, aber ich solle Uralmash unbedingt meiden, denn dort könne es Probleme geben.
Bei meiner Unterkunft, die in einem Wohnblock lag, hielten wir.
Ich wollte mich bedanken, er bestand aber darauf, mich bis zur Tür zu bringen. Was auch besser war. Es war stockdunkel und ich hatte keine Orientierung.
Es kam zu einem versöhnlichen Abschied, der x-ten Entschuldigung und wieder dem Hinweis, ich solle unbedingt wieder nach Russland kommen. Was ich auch versprach. 2018 sollte es dann wieder so weit sein.
Mit all dem Erlebten der letzten Stunden ging es endlich ins Bett.
Aber da war ja noch etwas.
Warum sollte ich nicht nach Uralmash fahren?
Und wo liegt das überhaupt?
Ich schaute es mir auf Google Maps an.
Uralmash ist ein großer Arbeiterstadtteil im Norden Jekaterinburgs, der historisch stark von der gleichnamigen Maschinenbaufabrik geprägt wurde. Der Stadtteil gilt bis heute als sozial und industriell geprägtes Gebiet mit eigenem Charakter und ist in Russland teilweise für seine raue Vergangenheit bekannt.
Ihr werdet es nicht glauben! Ich fand dort das Ersatzstadion von Ural Jekaterinburg.
Endlich wusste ich, wo es liegt, und ich plante es für den weiteren Aufenthalt ein.
Am nächsten Vormittag bestellte ich mir an der Rezeption ein Taxi, das mich etwas außerhalb der Stadt bringen sollte. Sie rief einfach einen Freund an, der mich abholte, und wir fuhren etwa 15 Kilometer Richtung Westen zur Markierung der Grenze zwischen Europa und Asien.
Einen Fuß hatte ich in Europa, den anderen in Asien – und der Taxler fotografierte mich. Schief.
Dann wollte er, dass ich ihn fotografiere. Ich machte ihm die Freude.
Zurück in der Stadt war ich beim Jelzin-Zentrum.
Das Jelzin-Zentrum ist ein modernes Museum und Kulturkomplex, der dem ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin gewidmet ist. Es wurde 2015 eröffnet und zeigt sowohl seine politische Karriere als auch die Transformationszeit Russlands in den 1990er Jahren. Vor dem Gebäude steht eine große Statue von Jelzin.
Was durfte auch hier nicht fehlen? Richtig ! Kriegsdenkmäler und Lenin.
Das Sevastyanov-Haus ist eines der bekanntesten historischen Gebäude der Stadt. Es wurde im 19. Jahrhundert erbaut und fällt besonders durch seine auffällige, farbenreiche neoklassizistische Fassade auf, die grün, weiß und rot gestaltet ist.
Danach war ich im Kriegsmuseum „Voyennyy Muzey“.
Dort sah ich originale Exponate aus dem Zweiten Weltkrieg, darunter Uniformen, Waffen und Fahrzeuge, die die Geschichte der sowjetischen Armee dokumentieren.
Dann wollte ich den Iset Tower rauf.
Der Iset Tower ist eines der höchsten Gebäude Jekaterinburgs und Teil des modernen Geschäftsviertels „Jekaterinburg City“. Von oben hat man einen weiten Blick über die gesamte Stadt. Bei klarer Sicht kann man den Kontrast zwischen moderner Skyline und historischer Stadtstruktur gut erkennen.
Ich war oben, das Wetter war klar und ich sah über die ganze Stadt. Ich aß Borschtsch, eine kleine Pause und gleichzeitig Abendessen, mit super Ausblick auf das Jelzin-Zentrum.
Am letzten Vormittag in Jekaterinburg nahm ich die U-Bahn und fuhr nach Uralmash.
Würde ich wieder festgenommen werden?
Es war mir egal.
Das Stadion fand ich schnell. Beim Fotografieren hatte ich diesmal ein komisches Gefühl.
Gefasst wurde ich nicht.
Es war ein kleines Stadion, für russische Verhältnisse vielleicht gerade groß genug. Eine Tafel erinnerte an gefallene Soldaten des Zweiten Weltkriegs. in Russland natürlich als „Großer Vaterländischer Krieg“ bezeichnet.
Sonst würde man ja noch auf die Idee kommen, dass Stalin gemeinsam mit Hitler in Polen einmarschiert ist.
Nach diesem gemütlichen Vormittag ging es mittags wieder in den Zug, aber nicht Richtung Osten, sondern zurück nach Europa, weil ich noch in eine andere Stadt wollte.
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