onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Krasnojarsk

<--Novosibirsk

Abfahrt um 19:52 Uhr, Ankunft um 08:45 Uhr – also fast zwölf Stunden Zugfahrt inklusive Zeitzonenwechsel. Für eine Nachtfahrt ist das eigentlich gar nicht so viel. Für diesen Abschnitt bekam ich allerdings kein eigenes Abteil, sondern musste im offenen Großraumwagen Platz nehmen. Ich hatte eine ruhige Nacht erwartet, doch daraus wurde nichts.
Wie auf all meinen Zugfahrten durch Russland fiel ich als Ausländer sofort auf. Nach dem gemeinsamen Abendessen mit mir völlig fremden Russen entwickelten sich schnell Gespräche. Ein älterer Mann, der kein einziges Wort Englisch sprach, packte plötzlich voller Begeisterung seinen Laptop aus und begann mir Fotos aus seinem Heimatdorf zu zeigen. Er war so glücklich darüber, einem Ausländer seine Heimat präsentieren zu können, dass er ununterbrochen redete – und dabei völlig vergaß, dass ich kein Russisch verstand.
Eine Frau versuchte anfangs noch zu dolmetschen, gab aber irgendwann auf, weil der Mann derart begeistert erzählte, dass sie mit dem Übersetzen nicht mehr hinterherkam. Wie sein Dorf hieß, habe ich leider vergessen. Aber es war genau so, wie man sich ein russisches Dorf vorstellt: Die Zeit schien dort seit Jahrzehnten stehen geblieben zu sein. Asphaltstraßen gab es praktisch keine, dafür umso mehr Schlaglöcher. Voller Stolz zeigte er mir Bilder seines wunderschön blau gestrichenen Holzhauses. Im Garten stand ein kleines Holzklo, daneben liefen glückliche Hühner herum, vermutlich für den Eigenbedarf bestimmt. Ein Leben, das wir in Mitteleuropa kaum noch kennen. Und trotzdem wirkte der Mann vollkommen zufrieden und stolz auf sein kleines Anwesen.
Seine Geschichten dauerten wirklich ewig. Die Dolmetscherin schlief längst tief und fest, während er immer noch voller Leidenschaft weiterredete. Erst als eine andere Frau ihn energisch darauf hinwies, dass inzwischen Nachtruhe herrsche, wurde es endlich still. Meine Rettung – denn auch ich war längst todmüde, wollte den freundlichen Mann aber nicht unhöflich unterbrechen.
Am nächsten Morgen erreichten wir schließlich Krasnojarsk. Richtig, die Geburtsstadt von Helene Fischer. Ich verabschiedete mich von meinen Mitreisenden, der ältere Herr gab mir noch einmal herzlich die Hand, ich gab meine Bettwäsche zurück und schleppte meinen Tramperrucksack zur Unterkunft.
Krasnojarsk gehört zu den größten Städten Sibiriens und liegt mitten im Herzen Russlands am mächtigen Jenissei, einem der längsten Flüsse der Erde. Die Stadt hat über eine Million Einwohner und wirkt gleichzeitig gigantisch und erstaunlich abgelegen. Besonders beeindruckend ist der Jenissei selbst: breit, dunkel und mit einer gewaltigen Strömung, die der Stadt eine fast dramatische Kulisse verleiht. Krasnojarsk gilt als eines der wichtigsten Industrie- und Verwaltungszentren Sibiriens, besitzt aber gleichzeitig erstaunlich viel Natur rundherum. Vielen Russen ist die Stadt außerdem wegen des Nationalparks „Stolby“ bekannt, dessen bizarre Felsformationen zu den berühmtesten Naturwundern des Landes zählen. Trotz ihrer Größe wirkt Krasnojarsk oft rau und improvisiert – eine typisch sibirische Mischung aus sowjetischem Beton, riesigen Straßen, alten Straßenbahnen und einer gewissen melancholischen Ehrlichkeit.


Wenn ich heute, zehn Jahre nach meiner Reise, diese Zeilen schreibe, fällt mir das russische Stadtbild noch viel stärker auf. Es gibt wohl kaum eine größere Stadt in Russland, in der Krieg nicht sichtbar präsent ist – sei es durch Propagandaplakate, Denkmäler oder ausgestellte Militärfahrzeuge. Und Lenin. Natürlich Lenin. Der darf sowieso nirgendwo fehlen. Dazu kommt die vielerorts völlig veraltete Infrastruktur: Busse und Straßenbahnen, die im Westen vermutlich schon vor zwanzig Jahren stillgelegt worden wären, und Straßen, die teilweise eher an frisch gepflügte Äcker erinnern. Fast jede Stadt besitzt außerdem irgendeinen Park mit einem halb verrosteten, leicht lebensgefährlich wirkenden Riesenrad, bei dem man sich fragt, ob die letzte Sicherheitsprüfung noch zu Zeiten der Sowjetunion stattgefunden hat.
Ich verbrachte etwa eineinhalb Tage in Krasnojarsk und war überraschend begeistert. Besonders das Ufer des mächtigen Jenissei hinterließ Eindruck bei mir. Der Fluss wirkt eher wie ein Meer aus dunklem Wasser als wie ein gewöhnlicher Strom. Bei herrlichem Frühlingswetter zog ich durch die Stadt und machte mich schließlich auf den Weg hinauf zur Gora Karaulnaja, dem sogenannten Wächterberg. Der Aufstieg war zwar nicht besonders schwierig, zog sich aber ordentlich in die Länge. Oben angekommen wurde ich allerdings mit einem fantastischen Blick über Krasnojarsk und den 

gewaltigen Jenissei belohnt. Dort thront auch der riesige Schriftzug „РОССИЯ“ – „Russland“ –, natürlich in den Nationalfarben Weiß, Blau und Rot bemalt. Der Hügel selbst besitzt historische Bedeutung: Früher hielten hier Kosaken Wache, um die Stadt vor möglichen Angriffen zu schützen.
Wieder unten in der Stadt spazierte ich am beeindruckenden Verwaltungsgebäude von Krasnojarsk vorbei, einem typischen sowjetischen Monumentalbau. Das Gebäude war mit Leninbildern, patriotischen Bannern und riesigen Erinnerungsplakaten an den Sieg vom 9. Mai 1945 geschmückt. Überhaupt begegnete einem Geschichte in Russland ständig – oft ungefragt und in Übergröße.
Außerdem schaute ich beim Staatlichen Opern- und Balletttheater von Krasnojarsk vorbei. Für eine Vorstellung reichte die Zeit leider nicht, aber allein das Gebäude wirkte schon herrlich sowjetisch-pompös. Danach führte mich mein Weg noch zum sogenannten „Krasnojarsker Big Ben“. Mit dem berühmten Londoner Original konnte der allerdings nicht ganz mithalten. Statt viktorianischem Charme erinnerte der Turm eher an einen kantigen Betonklotz mit Uhr drauf – funktional, aber nicht unbedingt romantisch. Irgendwo unterwegs entdeckte ich sogar eine Bar mit Che-Guevara-Thema. Hineingegangen bin ich allerdings nicht. Wahrscheinlich hätte mich dort sonst noch irgendein bärtiger Revolutionär auf Wodka eingeladen.


Bevor mein Zug am frühen Sonntagnachmittag weiterrollen sollte, deckte ich mich noch mit Proviant ein. Als ich den Minimarkt verließ, sprach mich plötzlich ein betrunkener russischer Obdachloser an. Ich erklärte ihm, dass ich ihn nicht verstand. Daraufhin deutete er auf seinen Mund. Er wollte offenbar eine Zigarette. Unglücklicherweise hatte ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich keine dabei. Das erklärte ich ihm sogar auf Deutsch, was die Situation nicht unbedingt internationaler machte.
Plötzlich griff der Mann in seine Hosentasche und formte mit den Fingern eine Pistole. Aha. Sein Ton wurde deutlich aggressiver. Offensichtlich hielt er das für einen Überfall. Ich hingegen hielt es eher für eine schlechte Theateraufführung. Also lachte ich den Typen einfach aus und ging weiter Richtung Bahnhof. Ich hatte schließlich Besseres zu tun, als mich irgendwo in Sibirien von einem betrunkenen Hobby-Gangster „überfallen“ zu lassen. Überfallen lasse ich mich nur von Profis. Leider.
Denn gut achtzehn Stunden Zugfahrt warteten bereits auf mich. Und auch auf diesem Streckenabschnitt kam es zu einer Begegnung, die ich garantiert niemals vergessen werde – allerdings im denkbar negativsten Sinne.