onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Moskau 

 Transib 2016



Fortsetzung von Minsk

Irgendwann wurde ich vom Schaffner geweckt. Das unmissverständliche Zeichen, dass wir bald unseren Endbahnhof erreichen würden  und dass ich die Bettwäsche abziehen und zurückbringen musste. Ja, richtig gelesen: Das muss man dort wirklich machen. Immer.
Noch halb im Schlaf dachte ich mir zuerst, dass ich so gut geschlafen hätte, dass ich die Passkontrolle einfach verschlafen habe. Doch das kam mir seltsam vor. Also griff ich zu meinem Pass, schlug ihn auf und war schlagartig hellwach.


Kein Ausreisestempel aus Belarus. Kein Einreisestempel nach Russland. Gar nichts.
Wir rollten in den Weißrussischen Bahnhof von Moskau ein, einen der neun großen Bahnhöfe der Stadt und ich hatte plötzlich ein kleines Problem. Oder ein großes. War ich etwa illegal eingereist? Das könnte mir eigentlich egal sein, aber im Hinblick auf die WM 2018, zu der ich wieder kommen wollte, suchte ich eine Möglichkeit das zu klären, da mir möglicherweise dann die Einreise verboten werden könnte.
Am Bahnsteig entdeckte ich einen Polizisten, der – wenig überraschend – kein Wort Englisch sprach. Ich zeigte ihm mein Ticket und die nicht abgestempelten Visa. Seine Reaktion: eine Mischung aus Schimpftirade und genervtem Augenrollen. Irgendwie machte er mir klar, dass es zwischen Belarus und Russland keine Grenzkontrollen gibt und daher alles seine Ordnung habe.
Herzlich willkommen in Russland.
Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mein Belarus-Visum vermutlich strategisch besser genutzt. Mein Russland-Visum war nämlich nur vier Wochen gültig und am Ende schöpfte ich es mit 3 Wochen, 6 Tagen und etwa 18 Stunden fast vollständig aus. Effizienzlevel: hoch. Mit dem Belarus Visum hätte ich länger in Russland bleiben können.


Ich machte mich auf den Weg zu meiner Unterkunft, wieder ein Hostel. Aber diesmal ein besonderes. Es befand sich nämlich in einem Wolkenkratzer im modernen Stadtteil „Moscow City“.
Dieser futuristische Business-Distrikt ist Moskaus Antwort auf Manhattan: Glasfassaden, Hochhäuser und ein Hauch von „wir können auch New York“. Die Skyline wirkt fast unwirklich, vor allem wenn man bedenkt, dass man sich eigentlich noch in Russland befindet. Und nachts verwandelt sich das Viertel in ein Lichtermeer, das eher an Dubai als an Osteuropa erinnert. Die Wolkenkratzer in „Moscow City“ zählen zu den höchsten Gebäuden Europas und ragen mit teils über 350 Metern ziemlich beeindruckend in den Himmel, während mittlerweile mehr als 20 Türme das Viertel prägen. Gebaut wird dort schon seit den 1990er-Jahren  und selbst heute ist das Projekt noch nicht komplett abgeschlossen, weil ständig neue Gebäude dazukommen.
Mein Hostel, in dem ich übrigens bis auf Sommer 2018 immer wieder übernachtete, lag im Imperia Tower. Damals war dieser mit knapp 240 Metern Höhe keine fünf Jahre alt. Bei der WM 2018 war ich zwar im selben Tower, aber in einem anderen Hostel um auch in die andere Richtung blicken zu können. Um in den Wolkenkratzer überhaupt hineinzukommen, musste ich jedes Mal beim Aufzug-„Chef“ meinen Reisepass vorzeigen, der meine Daten fein säuberlich mit seinem Kugelschreiber in eine Mappe eintrug.


Sehr modern. Oder sagen wir: sehr russisch.
Dafür wurde ich jeden Morgen belohnt. Der Blick auf die größte Stadt Europas war einfach spektakulär. Ob beim Frühstück, beim Sonnenaufgang oder abends, wenn die Stadt in Lichtern erstrahlte, dieser Ausblick wurde nie langweilig.
Ich gab meinen Rucksack ab und wollte den Tag noch nutzen. Moskau ist riesig, mit über 12 Millionen Einwohnern allein im Stadtgebiet eine echte Metropole der Superlative. Die Stadt verbindet prunkvolle Geschichte mit moderner Urbanität und gefühlt gibt es an jeder Ecke etwas zu entdecken. Gleichzeitig ist sie politisches Zentrum, kulturelles Herz und irgendwo auch ein Spiegel der russischen Geschichte, mit all ihren Widersprüchen.
Mein Zeitplan: Restlicher Mittwoch und der ganze Donnerstag bis zum Nachmittag.
Also eigentlich viel zu wenig.


Da ich zwischen 2010 und 2019 insgesamt siebenmal in Moskau war, konnte ich viele Klassiker bereits abhaken. Diesmal konzentrierte ich mich bewusst auf Orte, die ich noch nicht gesehen hatte.
Unvergessen bleibt aber mein erster Besuch 2010. Ende 2009 kursierte das Gerücht, dass die Austria Wien in Sotschi an einem Turnier teilnehmen würde. Auf dem Rückflug hatten wir stundenlang Aufenthalt in Moskau, genug Zeit für eine spontane Stadiontour. Fünf oder sechs Stadien schafften wir tatsächlich an einem Tag. Vielleicht auch, weil Teile unserer Gruppe am Roten Platz kurzzeitig Bekanntschaft mit der Staatsmacht machten. Aber das ist eine andere Geschichte…
Plötzlich wurde mir bewusst: Das ist jetzt schon 16 Jahre her.
Zeit vergeht.
Mein erstes Ziel an diesem Tag war das Gulag-Museum. Museen in Russland sind normalerweise faszinierend und sehr anschaulich gestaltet, oft mit Dioramen, also detailreichen Miniaturszenen, die historische Ereignisse realistisch nachbilden.
Die Gulags waren ein Netzwerk von Arbeitslagern in der Sowjetunion, in denen Millionen Menschen unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass mehrere Millionen Menschen dabei ums Leben kamen, genaue Zahlen gibt es bis heute nicht.
Mit großen Erwartungen betrat ich also das Museum  und wurde enttäuscht.
Viel mehr als ausgedruckte PDFs gab es kaum zu sehen. Keine Spur von der sonst so beeindruckenden russischen Museumskunst, wie man sie etwa aus den russischen Kriegsmuseen kennt.


Schade.
Offenbar legt man hier weniger Wert auf die Aufarbeitung dieser Kapitel. Bestätigt wurde dieses Gefühl durch die Schließung des Museums im November 2024 wegen angeblicher Brandschutzmängel. Eineinhalb Jahre später waren diese immer noch nicht behoben. Zufall? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Deutlich spannender war das Navi-Museum in Moskau. Dort dreht sich alles um die russische Marinegeschichte, von alten Kriegsschiffen bis hin zu „moderner“ Technik. Besonders beeindruckend war, dass ich tatsächlich ein U-Boot betreten durfte. Draußen war das Wasser teilweise zugefroren, was der ganzen Szenerie eine fast schon filmreife Atmosphäre verlieh. Insgesamt ein Erlebnis, das deutlich mehr Eindruck hinterlassen hat als das Gulag-Museum.
Nicht weit entfernt liegt das Stadion von Spartak Moskau, wo die österreichische Nationalmannschaft ein Jahr zuvor Russland mit 1:0 besiegte. Ich war damals live dabei, wollte das Stadion aber trotzdem noch einmal sehen, auch wenn nur von außen.
Rückblickend hätte ich meine Zeit besser nutzen sollen, denn ich kam ein paar Minuten zu spät beim Bunker-Museum an. Geschlossen.
Also verschoben.


Mittlerweile war es dunkel und ich machte mich auf den Weg zum Roten Platz. Beim Bolschoi-Theater stieg ich aus. Dieses weltberühmte Opernhaus gehört zu den bedeutendsten der Welt und ist ein echtes Wahrzeichen Moskaus. Drinnen war ich zwar nie, aber schon von außen – vor allem abends beleuchtet – ist das Gebäude absolut beeindruckend.
Normalerweise beginne ich meine Moskau-Touren in dieser Gegend, diesmal war es anders. Üblicherweise starte ich beim ehemaligen KGB-Gebäude, schlendere weiter zum Bolschoi-Theater, vorbei am Karl-Marx-Denkmal, zum Schukow-Denkmal, weiter zum „Kilometer Null“, zum Roten Platz, mit Blick auf Lenin, Stalin und Co., das Kaufhaus GUM und die Basilius-Kathedrale – bis hin zur Brücke, auf der 1987 der 19-jährige Matthias Rust mitten im Kalten Krieg, mit seinem Kleinmotorflieger kommend aus Deutschland, einfach neben dem Kreml landete. Eine Demütigung für die Sowjetunion. Köpfe rollten!
Ganz ehrlich: Was hast du mit 19 so gemacht?
Am Roten Platz angekommen, bat ich einen offensichtlich völlig überforderten Fotografen, ein Foto von mir am Nullpunkt zu machen. Das Ergebnis… sagen wir so: ausbaufähig.
Der Rote Platz ist das Herz Moskaus und einer der bekanntesten Plätze der Welt. Hier befinden sich gleich mehrere Wahrzeichen: der Kreml, das Lenin-Mausoleum und die Basilius-Kathedrale. Früher war er Schauplatz militärischer Paraden und politischer Inszenierungen, heute ist er eine Mischung aus Touristenmagnet und historischem Symbol. Und egal wie oft man hier steht, es fühlt sich jedes Mal besonders an.
Das Lenin-Mausoleum hatte bereits geschlossen. Ich war 2012 und 2015 drinnen. Ob es wirklich Lenins Leichnam ist, kann ich nicht beurteilen, die Schusswunde am Hals habe ich jedenfalls nicht gesehen. Fotografieren ist streng verboten und bevor man hineingeht, wird man gründlich kontrolliert.
Entlang der Kremlmauer spaziert man an den Gräbern von Stalin, Breschnew, Gagarin und vielen anderen vorbei, bevor man schließlich in das dunkle Mausoleum gelangt.
Das GUM-Kaufhaus hatte noch geöffnet. Ich musste mich durchleuchten und kontrollieren lassen. Wie eigentlich überall in Russland. Egal ob U-Bahn oder Einkaufszentrum. Jeder Rucksack wurde durchleuchtet. Also falls das Sicherheitspersonal Lust und Laune hatte. Der Metalldetektor piepste überall durchgehend, was aber niemanden störte. Sinnlos eigentlich. Warum aber das Ganze? Terrorgefahr? Hat man Angst?  Beim GUM wollte der Wachmann tatsächlich Geld von mir, dass er mich ins Einkaufszentrum rein lässt. Spinne ich? Ich lehnte ab und ging dennoch rein!
Im GUM selbst erwartete mich Luxus pur: Designerläden, edle Boutiquen und eine Architektur, die eher an einen Palast als an ein Einkaufszentrum erinnert. Ursprünglich im 19. Jahrhundert erbaut, ist es heute eines der bekanntesten Kaufhäuser der Welt, auch wenn ich mir dort höchstens ein Eis leisten konnte.


Was mir damals nicht bewusst war, aber in den letzten Monaten immer bewusster wurde ist, dass meiner Meinung der Rote Platz in Moskau gar nicht in Russland liegt, sondern in der Sowjetunion. Hier lebt die Sowjetunion noch immer. Mit allen ihren toten Helden, die hier begraben liegen. Auch wenn die Sowjetunion unterging, für manche lebt diese weiterhin. Mancher will sie mit den Worten „wir werden unsere historischen Grenzen schützen“ und jahrlangen Kriegen wieder auferstehen lassen.. Mein Abendessen genoss ich wieder im Wolkenkratzer,  mit Blick auf die nächtliche Skyline.
Am nächsten Tag zog es mich zur Baustelle des CSKA-Stadions. Warum genau, weiß ich selbst nicht. Aber immerhin konnte man erkennen, dass der Stadionturm sogar einen Helikopter Landeplatz hatte. Wenn Geld keine Rolle spielt…
Diesmal war ich rechtzeitig beim Bunker-42-Museum. Tief unter der Erde befindet sich ein ehemaliger Atombunker aus dem Kalten Krieg, der im Ernstfall als Kommandozentrale dienen sollte. Die Atmosphäre dort unten ist beklemmend und gleichzeitig faszinierend. Man bekommt eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie real die Angst vor einem Atomkrieg damals war. Während der Führung wurde sogar ein Stromausfall simuliert. Andere Gäste begangen panisch zu schreien, mich beindruckte das nicht.


Weiter ging es zur Christ-Erlöser-Kathedrale. Diese prächtige Kirche gehört zu den größten orthodoxen Kirchen der Welt und wurde nach ihrer Zerstörung in der Sowjetzeit originalgetreu wieder aufgebaut. Innen ist sie unglaublich opulent gestaltet – Gold, Ikonen und riesige Kuppeln soweit das Auge reicht. Internationale Aufmerksamkeit bekam sie 2012, als die Punkgruppe Pussy Riot dort mit einem kurzen Protestauftritt gegen das politische System für weltweites Aufsehen sorgte. Vielleicht war das der Grund, warum neben den gewohnten Checks, Handys und Fotografieren verboten waren. Schade eigentlich, denn diese Kirche ist eine der prächtigsten, die ich jemals gesehen habe.
Die Aussichtsplattform hatte leider geschlossen. Egal, das Wetter war ohnehin nicht perfekt.
Ich spazierte entlang der Moskwa, und plötzlich hatte ich einen Ohrwurm:
„I follow the Moskva, down to Gorky Park, listening to the wind of change…“
Passte perfekt, denn genau dort wollte ich hin.


Auf dem Weg kam ich am monumentalen Denkmal für Peter den Großen vorbei. Der Zar gilt als einer der wichtigsten Modernisierer Russlands und machte das Land im 18. Jahrhundert zu einer europäischen Großmacht. Das Denkmal selbst ist riesig  und nicht unumstritten, weil es vielen als überdimensioniert und etwas kitschig gilt.
Im Gorki-Park befindet sich auch ein Skulpturenpark, in dem zahlreiche sowjetische Denkmäler ausgestellt sind. Viele davon wurden nach dem Zerfall der UdSSR entfernt und hier gesammelt – eine Art Freiluftmuseum der Geschichte.
Ein Blick auf die Uhr  und ich war enttäuscht. Ich musste meine Tour abbrechen. Das Kosmonauten-Museum schaffte ich wieder nicht. Auch das Eisenbahnmuseum musste warten.
Aber klar: Mein Aufenthalt war diesmal einfach zu kurz.


Moskau hat noch viel mehr zu bieten – von den „Sieben Schwestern“-Hochhäusern bis zu beeindruckenden Kriegsmuseen. Und irgendwie hat mich diese Stadt immer wieder angezogen – egal ob 2010, während meiner Transsib-Reise 2016 oder sogar in der Corona-Zeit. Ende 2020 kam nämlich das Gerücht auf, dass die verschobene Europameisterschaft 2021 in Russland stattfinden könnte. Ich freute mich über diese Nachricht, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits seit über sechs Jahren russische Soldaten in der Ukraine im Einsatz waren und dort Menschen zu töten.
Russland hatte damals eigenwillige Corona-Regeln. Während in Europa die Reisefreiheit Schritt für Schritt zurückkehrte, galten für die Einreise nach Russland bis Juli 2022 strenge Beschränkungen und erst ab Oktober 2022 benötigte man keinen negativen PCR-Test mehr.
Bereits im April 2021 verkündete das russische Verteidigungsministerium, dass über 400.000 Soldaten vollständig geimpft seien und mehr als 500.000 zumindest die erste Impfung erhalten hätten,  zu einem Zeitpunkt, als in Österreich die Impfkampagne gerade erst begonnen hatte. Dieses Vorgehen war damals für viele schwer nachvollziehbar, rückblickend wirkt es jedoch wie ein klares Zeichen dafür, welche Prioritäten gesetzt wurden. Wie sich diese Tatsachen mit der Einstellung der Putin Unterstützer in Österreich einigen lässt, ist mir ein Rätsel, denn ausgerechnet die Putin Unterstützer sind zum größten Teil Corona Leugner/Verharmloser, odgl.
Die Europameisterschaft fand letztlich doch nicht in Russland statt  und alles kam anders als gedacht.


Doch jetzt musste ich los. Zurück zum Hostel, oder besser gesagt: zum Wolkenkratzer, denn das hört sich besser an. Rucksack holen und weiter zum Kursker Bahnhof.
Alle Eisenbahnliebhaber haben jetzt richtig aufgepasst! Denn die Transsib fährt nicht vom Kursker Bahnhof los, sondern vom Jaroslaver Bahnhof, ungefähr zwei Kilometer entfernt.
Noch 2015 stand ich am Jaroslaver Bahnhof und schaute sehnsüchtig auf den Zug nach Wladiwostok. Ich war mir sicher, dass ich eines Tages diese Strecke fahren werde. Und nun stand ich in Moskau, in Zeitnot und mit dem Zug vom Kursker Bahnhof im Kopf.
Also warum überhaupt Kursker Bahnhof? Ich wollte in Nischni Nowgorod einen Zwischenstopp einlegen und das wäre vom Jaroslaver Bahnhof aus nicht möglich gewesen. Deshalb musste ich mit einer Art besserem Regionalzug die rund vier Stunden bis Nischni Nowgorod zurücklegen.
Und damit begann das nächste Kapitel meiner Reise