Nischni Novgorod und Bor
<<---Moskau
Am Abend erreichte ich die Stadt Nischni Nowgorod. Der Tag war praktisch schon gelaufen, also noch schnell etwas essen und dann nichts wie ins Bett.
In Nischni Nowgorod treffen sich die Flüsse Wolga und Oka wie ein riesiges „T“ und teilen die Stadt in zwei Hälften. Der Hauptbahnhof liegt am linken Ufer der Oka, während sich die eigentliche Innenstadt auf der rechten Seite erstreckt. Die Stadt zählt mit über 1,2 Millionen Einwohnern zu den größten Russlands und war lange Zeit unter dem Namen „Gorki“ bekannt – benannt nach dem berühmten Schriftsteller Maxim Gorki, der hier geboren wurde. Während der Sowjetzeit war Nischni Nowgorod eine sogenannte „geschlossene Stadt“, da hier wichtige Rüstungsindustrie angesiedelt war – Ausländer hatten damals keinen Zutritt. Heute ist sie ein bedeutendes Industrie-, Kultur- und Bildungszentrum und beeindruckt vor allem durch ihre Lage an zwei gewaltigen Flüssen, die das Stadtbild prägen.
Den Morgen begann ich beim alten Lokomotiv-Stadion, das – wenig überraschend – kein Austragungsort der WM 2018 war. Obwohl Nischni Nowgorod alles andere als klein ist, hat sie mit dem Luxusleben in Moskau ungefähr so viel gemeinsam wie ein Lada mit einem Ferrari. Die Straße vom Hauptbahnhof zum nahegelegenen Park „1. Mai“ war ordentlich mitgenommen und übersät mit Schlaglöchern – Slalomlaufen inklusive. Der Park selbst wirkte Anfang April noch im Winterschlaf: keine Blüten, keine Farben, dafür ein leicht melancholischer Charme, der irgendwie gut zur Szenerie passte.
Mit der U-Bahn machte ich mich auf den Weg in den östlichen Teil der Stadt, wo sich das Zentrum befindet. Dort erkundete ich den historischen Kern rund um den Nischni-Nowgoroder Kreml, eine beeindruckende Festungsanlage, deren Name übrigens einfach „Burg“ oder „Festung“ bedeutet und nicht nur in Moskau verwendet wird. Von den Mauern aus eröffnete sich ein spektakulärer Blick auf die Vereinigung von Oka und Wolga, der mich kurz innehalten ließ. Besonders beeindruckend war die gewaltige Tschkalow-Treppe, die sich in eleganten Schwüngen Richtung Flussufer hinabzieht, ein echtes architektonisches Statement. Auf dem Platz davor steht das Denkmal für Kusma Minin und Dmitri Poscharski, zwei Nationalhelden, die im 17. Jahrhundert maßgeblich zur Befreiung Russlands von polnischen Truppen beitrugen. Direkt im Kreml befindet sich auch das Arsenal, ein historisches Gebäude, das heute als Ausstellungsort dient. Und ja, dort standen wieder Panzer herum. Kinder kletterten voller Begeisterung auf diese Panzer herum, während die anwesenden Eltern die Kinder beim Klettern unterstützten.
Sollen sich die Kinder etwa schon auf das spätere Leben vorbereiten? Überhaupt hatte ich langsam das Gefühl, dass man in Russland kaum irgendwo hingehen kann, ohne zufällig auf ein militärisches Relikt zu stoßen. Vor dem Kreml steht außerdem ein Denkmal für Zar Peter den Großen, der die Entwicklung Russlands maßgeblich geprägt hat. Insgesamt hat mir dieser Teil der Stadt richtig gut gefallen. Geschichte, Ausblicke und eine leicht raue, aber ehrliche Atmosphäre.
Anschließend schlenderte ich entlang der Wolga in Richtung Seilbahn. Ja, richtig gelesen: Dort gibt es tatsächlich eine Seilbahn, die über den Fluss hinweg in die Stadt Bor führt. Bor selbst ist deutlich kleiner und gilt eher als ruhige Industriestadt, die früher stark von der Glasproduktion geprägt war. Gleichzeitig wirkt sie stellenweise fast dörflich – ein spannender Kontrast zur Großstadt auf der anderen Seite des Flusses.
Eine Brücke zwischen den beiden Städten gibt es nicht wirklich direkt. Wer mit dem Auto von Nischni Nowgorod nach Bor möchte, muss einen ziemlichen Umweg in Kauf nehmen: erst über die Oka nach Westen, dann über die Wolga Richtung Norden und schließlich wieder zurück nach Osten. Alternativ kann man das Auto auf eine Fähre verladen und so übersetzen. Ich entschied mich für die deutlich angenehmere Variante und nahm die Seilbahn.
Und wer begrüßte mich beim Ausstieg in Bor? Natürlich – Panzer! Langsam stellte sich mir ernsthaft die Frage, ob es auf dieser Reise überhaupt einen Tag ohne militärisches Gerät geben würde. Obwohl Bor offiziell eine Stadt ist, fühlte es sich eher wie ein großes Dorf an. Überall standen Plattenbauten und Holzhäuser, allerdings ganz anders als die, die man aus Österreich kennt – rustikaler, einfacher, irgendwie ursprünglicher. Nach einem Kaffee ging es für mich wieder zurück über die Wolga, wieder schwebend mit Aussicht.
Zurück in Nischni Nowgorod streifte ich weiter durch die Straßen und verschaffte mir einen Eindruck vom Alltag. In einem Wohngebiet stieß ich auf ein verlassenes Fußballstadion, oder das, was davon übrig war. Die Tribünen waren teilweise eingestürzt, das Spielfeld verwildert. Ein ziemlich trostloser Anblick, vor allem wenn man bedenkt, dass in der Stadt bereits überall Plakate für die in zwei Jahren stattfindende Weltmeisterschaft hingen. Ein seltsamer Kontrast.
Ich kam auch an der Baustelle des neuen WM-Stadions vorbei und hielt natürlich kurz an, um ein paar Fotos zu machen. Es wird ja wohl nicht verboten sein, ein Stadion zu fotografieren… oder etwa doch? Man weiß ja nie……
Nach einem langen Tag auf den Beinen holte ich meinen Rucksack aus der Unterkunft und suchte mir in der Nähe des Bahnhofs ein Restaurant für das Abendessen. Westliche Touristen schienen hier eher selten zu sein, denn ich wurde sofort wie ein Ehrengast behandelt. Das lokale Bier schmeckte hervorragend und vom Kellner gab es sogar noch einen Schnaps mit Knoblauchgeschmack obendrauf. Klingt erstmal… gewöhnungsbedürftig. War aber überraschend gut. Darum noch ein weitere Schnaps, bitte! Ich durfte dass, denn immerhin war ich bereits seit einer Woche unterwegs.
Der Kellner suchte das Gespräch und wir unterhielten uns über meine Reise. Als ich ihm mein Zugticket zeigte, wusste er genau, wann ich losmusste und erinnerte mich nach ein paar Bier freundlich, dass es Zeit wurde aufzubrechen.
Also ging es zurück zum Bahnhof: Pass zeigen, in den Zug steigen, Bettwäsche entgegennehmen, Rucksack verstauen – Routine. Danach zog es mich noch in den Speisewagen. Dass diese Entscheidung der Anfang eines ziemlich spontanen Abenteuers werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnen…
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