Novosibirsk
Nach einer kurzen Nacht im Zug erreichte ich am frühen Vormittag Novosibirsk. Der Bahnhof hatte dieselbe türkise Farbe wie jener in Omsk. Vom Aufbau her war er allerdings eindeutig anders. Somit konnte ich ausschließen, dass sich der Zug verfahren hatte – was bei mehreren Tagen in der Transsibirischen Eisenbahn irgendwann eine durchaus reale Sorge wird.
Es folgte die morgendliche Routine: Rucksack in die Unterkunft bringen, duschen und anschließend versuchen, wieder wie ein normaler Mensch auszusehen.
Novosibirsk ist die drittgrößte Stadt Russlands und mit rund 1,6 Millionen Einwohnern die inoffizielle Hauptstadt Sibiriens. Die Stadt entstand überhaupt erst durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn und wirkt deshalb bis heute wie ein Ort, der ohne Züge eigentlich gar keinen Sinn ergeben würde. Zwischen sowjetischen Monumentalbauten, breiten Straßen und modernen Glasfassaden hatte Novosibirsk etwas Eigenartiges: gleichzeitig rau, pragmatisch und überraschend lebendig. Religiös dominiert die russisch-orthodoxe Kirche, doch insgesamt wirkte die Stadt weniger spirituell als vielmehr technisch – eine Stadt, die eher an Ingenieure als an Dichter glaubt.
Ende April zeigte sich das Wetter von seiner freundlichen Seite. Die Sonne schien, der Himmel war klar, und nach Tagen im Zug fühlte sich selbst ein gewöhnlicher Spaziergang plötzlich wie ein kleines Freiheitsfest an. In den breiten Straßen lagen noch letzte Schneereste, während die Menschen bereits so unterwegs waren, als hätte der Winter offiziell kapituliert.
Am ersten Tag lief ich stundenlang durch die Stadt und stellte fest, dass sibirische Entfernungen offenbar anders berechnet werden. Auf der Karte sah alles „gleich ums Eck“ aus, in Wirklichkeit brauchte man dafür ungefähr die Ausdauer eines Halbmarathonläufers. Dazwischen fuhren klapprige Marschrutkas, aus denen gleichzeitig Techno, russischer Pop und vermutlich die Geräusche eines sterbenden Motors dröhnten.
Besonders beeindruckend war der breite Ob-Fluss, der sich wie ein graues Meer durch die Stadt zog. Die Ufer wirkten endlos, und irgendwo zwischen den riesigen Brücken und den sowjetischen Wohnblöcken bekam man erstmals ein Gefühl dafür, wie gigantisch Sibirien eigentlich ist.
Am nächsten Tag nahm ich mir mehr Zeit für das Zentrum. Vor dem Opernhaus standen Menschen in dicken Jacken in der Sonne, als hätten sie monatelang darauf gewartet, wieder Vitamin D tanken zu dürfen. Das Opernhaus selbst wirkte weniger wie ein Theater und mehr wie eine sowjetische Version des Todessterns. Alles in dieser Stadt war groß. Straßen groß, Plätze groß, Gebäude groß – vermutlich sogar die Tauben.
In kleinen Cafés tranken junge Menschen Kaffee und diskutierten mit ernster Miene über Dinge, die entweder hochphilosophisch oder völlig belanglos waren. Beides ließ sich mit meinen geringen Russischkenntnissen sprachlich nur schwer unterscheiden. Überhaupt wirkte Novosibirsk jünger und moderner, als ich erwartet hatte. Zwischen alten Ladas standen plötzlich teure SUVs, und neben sowjetischen Betonfassaden tauchten hippe Burgerläden auf, die auch in Wien problemlos funktioniert hätten.
Am dritten Tag fuhr ich hinaus nach Seyatel zum Eisenbahnmuseum. Bereits die Fahrt dorthin fühlte sich an wie eine kleine Expedition durch die Vororte Sibiriens. Das Museum selbst war für Eisenbahnfreunde ungefähr das, was Disneyland für Kinder ist – nur mit mehr Stahl und weniger guter Laune.
Auf kilometerlangen Gleisen standen alte Dampflokomotiven, Dieselloks und Waggons aus verschiedensten Jahrzehnten. Manche wirkten, als hätten sie gerade erst den Zweiten Weltkrieg beendet. Andere sahen aus, als könnten sie jederzeit wieder losfahren, wenn jemand genügend Kohle und einen sehr motivierten Heizer organisieren würde.
Ich ging zwischen den gewaltigen Maschinen hindurch und fragte mich, wie viele Millionen Kilometer diese Lokomotiven wohl hinter sich hatten. Viele davon hatten vermutlich mehr von Russland
gesehen als die meisten Russen selbst. Bei manchen Wagons konnte ich nicht erkennen, dass diese schon museumsreif sind, denn genau mit solchen Wagons und solche Ausstattung fahre ich bereits seit Tagen durch Russland. Viel hat sich im Innenleben der noch im Betrieb stehenden Wagons, im Vergleich zu den Wagons im Museum nicht geändert! Russischer Fortschritt eben! Der Geruch von Metall, Öl und altem Eisen hing in der Luft, und irgendwo knackte ständig ein abkühlendes Stahlteil in der Sonne. Das militärische Geräte auch ausgestellt sind, ist doch klar.
Besonders faszinierend war ein alter Schneepflugzug, der aussah, als könnte er problemlos eine Alpenrepublik in wenigen Minuten freiräumen. Daneben standen luxuriöse Salonwagen aus Zarenzeiten, in denen vermutlich Menschen gereist waren, die nie selbst einen Koffer tragen mussten.
Das Schönste an diesem Tag war aber die Atmosphäre. Blauer Himmel, milde Frühlingsluft und diese endlosen Gleise mitten in Sibirien – es hatte etwas gleichzeitig Melancholisches und Abenteuerliches. Während irgendwo in der Ferne echte Züge vorbeifuhren, spazierte ich zwischen den Relikten einer Zeit herum, in der Eisenbahnen nicht einfach Transportmittel waren, sondern die einzige Verbindung zwischen den Enden eines unfassbar großen Landes.
Am Abend fuhr ich zurück nach Novosibirsk und hatte das Gefühl, langsam im Rhythmus der Transsibirischen Eisenbahn angekommen zu sein: schlafen, ankommen, staunen, weiterfahren. Und es ging auch wieder weiter in den Osten!
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