Perm
Zurück in Europa kam ich schließlich in Perm an. Es war bereits Samstagabend, daher stand an diesem Tag nichts Besonderes mehr auf dem Programm. Perm liegt am westlichen Rand des Urals und gilt als eine der wichtigsten Städte entlang der Transsibirischen Eisenbahn. Mit über einer Million Einwohnern ist sie das administrative Zentrum der Region Perm Krai und gleichzeitig das Tor zwischen Europa und Asien. Die Stadt war früher eine geschlossene Industriestadt, weil dort große Rüstungsbetriebe und militärische Forschung angesiedelt waren und spielte besonders zu Sowjetzeiten eine bedeutende Rolle für die Rüstungs- und Schwerindustrie Russlands. Eine „geschlossene Stadt“ bedeutete in der Sowjetunion, dass Ausländer und oft sogar normale Sowjetbürger die Stadt nur mit spezieller Genehmigung betreten durften. In Perm produzierten Fabriken unter anderem Artillerie, Flugzeugmotoren und andere militärisch wichtige Technik, weshalb der Staat die Region streng überwachte.Die Stadt erschien zwar auf Karten, aber Reisen dorthin waren kontrolliert, Hotels registrierten Besucher genau und Kontakte mit Ausländern galten als verdächtig.Trotz der Geheimhaltung war Perm ein wichtiges Industrie- und Kulturzentrum im Ural, dessen militärische Bedeutung erst nach dem Ende der Sowjetunion offen diskutiert wurde. Für alle Putin Unterstützer zur Erinnerung! Diesen Zusammenbruch bezeichnet Putin als „Katastrophe“. Wollt ihr wirklich in einem Land leben, in dem ihr eine Genehmigung benötig, damit ihr in eine Stadt dürft? Wollt ihr das? Warum unterstützt ihr das dann. Solche Zustände gibt es bei uns zum Glück nicht und ich bin mir sicher, dass einige mit dem Begriff „geschlossene Stadt“ bis vor wenigen Momenten nichts anfangen konnten.
Heute erinnert noch vieles daran: riesige Fabrikanlagen, sowjetische Monumente und breite Straßen prägen das Stadtbild. Gleichzeitig besitzt Perm aber auch eine überraschend lebendige Kulturszene mit Theatern, Parks und modernen Cafés. Wer mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs ist, kommt an Perm kaum vorbei und genau deshalb wollte ich mir diese geschichtsträchtige Stadt genauer ansehen. Den ganzen Sonntag hatte ich Zeit, Perm zu erkunden. Schon bei meinem ersten Spaziergang merkte ich schnell, dass die Stadt einen ganz eigenen Charakter hat: rau, sowjetisch und gleichzeitig irgendwie faszinierend. Zwischen grauen Wohnblöcken und breiten Straßen stand plötzlich ein altes organgfarbenes Antonov-Flugzeug, das aussah, als hätte man es einfach mitten in der Stadt vergessen. Nicht weit davon entfernt hingen riesige Wahlplakate der Kommunisten an den Gebäuden. Überdimensional groß und so präsent, als wäre die Sowjetunion nie wirklich verschwunden. Natürlich durften auch Panzer, Kriegsdenkmäler und patriotische Monumente nicht fehlen. In Russland scheint es fast keine Stadt ohne militärische Erinnerungen zu geben und Perm machte da keine Ausnahme. Bei meinem Spaziergang durch Perm fielen mir außerdem überall Kriegsgeräte, Denkmäler und militärische Symbole auf. Besonders präsent war das schwarz-orangefarbene Sankt-Georgs-Band, das in Russland als Symbol für militärischen Ruhm, Patriotismus und den Sieg im Zweiten Weltkrieg, ah, sorry, „großer Vaterländischer Krieg“, 2. Weltkrieg wird in Russland in der Öffentlichkeit nicht so oft erwähnt, gilt. Obwohl ich bereits seit 2010 regelmäßig nach Russland reiste, war mir diese allgegenwärtige Symbolik eigentlich erst nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2014 bewusst aufgefallen. Plötzlich waren die schwarz-orangen Farben überall zu sehen – auf Autos, Bussen, U-Bahn-Stationen und riesigen Plakaten in den Städten. Doch wer sollte davon eigentlich beeindruckt werden? Ausländische Touristen wohl kaum, denn welche Touristen verirren sich schon nach Perm? Heute glaube ich eher, dass diese ständige Präsenz von Kriegssymbolen vor Jahren schon dazu diente, die eigene Bevölkerung an militärische Stärke, vergangene Siege und die Bereitschaft zum Krieg zu erinnern.
Lange bevor die russische Vollinvasion der Ukraine sechs Jahre später beginnen sollte. Immer wieder sah ich Kinder voller Begeisterung auf alten Panzern und Militärfahrzeugen herumklettern, während die Eltern danebenstanden und zusahen, als wäre das völlig normal. Man fragte sich unweigerlich, warum Kinder ausgerechnet auf Kriegsgeräten spielen sollen. Gibt es in Russland keine normalen Spielplätze, oder sollen Panzer schon früh zu etwas Alltäglichem und Vertrautem für diese Kinder werden? Auch Lenin stand hier noch stolz auf seinem Sockel und blickte streng über einen zentralen Platz. Besonders lustig fand ich die berühmte Bärenstatue der Stadt. Der bronzene Bär gilt als Symbol von Perm und seine Pfote war bereits völlig blank poliert, weil unzählige Menschen sie im Vorbeigehen streicheln. Natürlich musste ich das ebenfalls tun – sicher ist sicher. Auch kam ich beim Denkmal von Vasily Nikitich Tatishchev, einem russischen Staatsmann, Historiker und Geografen aus dem 18. Jahrhundert vorbei. Tatishchev gilt als einer der wichtigsten Verwalter und Organisatoren der Uralregion und war maßgeblich an der Gründung mehrerer Städte beteiligt, darunter auch Perm und Jekaterinburg. Sein Denkmal steht heute zentral in der Stadt und erinnert noch immer daran, welchen Einfluss er auf die Entwicklung dieser gesamten Region hatte. Später ging ich weiter zum Gorki-Park neben dem Dinamo-Stadion. Dort drehte sich langsam ein großes Riesenrad über der Stadt und obwohl der Winter noch nicht ganz verschwunden war, entschied ich mich für eine Fahrt. Im Stadion lagen tatsächlich noch Schneereste auf den Tribünen und am Spielfeldrand, während unten in den Straßen bereits der Frühling zu kämpfen begann. Von oben konnte ich die weiten Industriegebiete, die breiten Straßen, den Fluss Kama und die endlosen Plattenbauten sehen. Perm wirkte aus der Höhe gleichzeitig riesig und melancholisch. Der Himmel war grau, der Wind eisig, aber genau das machte die Atmosphäre irgendwie perfekt. Es fühlte sich an, als würde die Stadt zwischen Vergangenheit und Gegenwart feststecken. Auch beim Stadion von Akram Perm war ich.
Österreich Bezug? Rashid Rachimov war dort zweimal Trainer. Am Abend stieg ich schließlich wieder in den Zug. Über 17 Stunden Zugfahrt lagen vor mir – Zeit genug, um die Eindrücke aus Perm langsam vorbeiziehen zu lassen.
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