onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Tscheljabinsk

Auf der Transsibrischen Eisenbahn 2016


<---Ufa


Ich war inzwischen schon zehn Tage unterwegs, als ich um 08:30 in Tscheljabinsk ankam. Obwohl viele Bahnhöfe in Russland einen historischen Flair aus der Zeit vor der Sowjetunion versprühen und oft erstaunlich gut in Schuss gehalten werden, wirkte dieser hier eher wie ein Relikt aus der Sowjetära. Funktional? Ja. Charmant? Eher… na ja.
Also erst einmal Gepäck in die Unterkunft bringen und dann direkt in den Tag starten.
Tscheljabinsk liegt direkt am Ural, also quasi an der Grenze zwischen Europa und Asien – auch wenn die Stadt geografisch noch zu Europa zählt, fühlt sich die Reise dorthin schon ein bisschen wie ein Schritt in eine andere Welt an und gilt als eine der wichtigsten Industriestädte Russlands. Mit über einer Million Einwohnern ist sie alles andere als ein Dorf, auch wenn sie touristisch eher selten auf den großen Listen auftaucht. Berühmt wurde die Stadt unter anderem durch den Meteoriten von 2013, der spektakulär über der Region explodierte und weltweit Schlagzeilen machte. Ansonsten prägen Schwerindustrie, weite Straßen und ein eher rauer Charme das Stadtbild. Eine Stadt, die nicht geschniegelt sein will, sondern einfach funktioniert.
Mein erster Weg führte mich zum Aloje Pole Park, einem Park, der eine interessante Mischung aus Geschichte und Gegenwart bietet. Dort steht die imposante Aleksandar-Newski-Kirche, ein rotes 

Backsteingebäude mit markanten Kuppeln, das sofort ins Auge fällt. Und wie so oft in Russland durfte natürlich auch Lenin nicht fehlen: Das Denkmal-Mausoleum für Lenin erinnert an vergangene Zeiten und steht stoisch mitten im Park. Die Blumen hatten sich allerdings noch nicht blicken lassen, es war schlicht zu kühl dafür. Frühling auf Russisch bedeutet eben: Geduld.
Zeit für eine Kaffeepause. Diese gönnte ich mir in der Fußgängerzone, die ich durch einen kleinen schmiedeeisernen Torbogen betrat. Die sogenannte „Kirovka“ ist so etwas wie die Flaniermeile der Stadt. Entlang der Straße stehen zahlreiche Metallskulpturen – Figuren aus dem Alltagsleben, Händler, Handwerker oder historische Persönlichkeiten. Viele dieser Kunstwerke wurden im Zuge der Umgestaltung der Straße in den frühen 2000er-Jahren installiert und stammen von lokalen Künstlern. Sie verleihen der Gegend eine fast spielerische Atmosphäre und sorgen dafür, dass man beim Schlendern ständig etwas Neues entdeckt.
Gestärkt ging es weiter zum Park Pobedy (Siegespark). Dort stand ein Riesenrad, das… sagen wir mal… nicht ganz dem westlichen Sicherheitsgefühl entsprach. Aber wann bekommt man schon die Chance auf so eine authentische Aussicht? Also rein in die Gondel und hoch hinaus. Von oben bot sich ein weiter Blick über die Stadt: breite Straßen, industrielle Strukturen und mittendrin ein 

Gebäude, das stark an die berühmten „Sieben Schwestern“ in Moskau erinnerte. Das Hauptgebäude der South Ural State University (SUSU), ein klassischer stalinistischer Bau mit Turm und monumentaler Erscheinung. Außerdem entdeckte ich ein Stadion, das ich mir später noch genauer ansehen wollte.


Also setzte ich meinen Weg fort und schlenderte Richtung Stadion. Unterwegs stolperte ich – im wahrsten Sinne des Wortes – in eine Probe für eine Militärparade. Soldaten marschierten geschniegelt in Reih und Glied, während ein Hund zwischen ihnen hin und her lief, bellte und dabei so wirkte, als hätte er das Kommando übernommen. Ganz ehrlich: Der einzige Offizier mit echter Präsenz war eindeutig der Vierbeiner.
Kurz darauf kam ich am Kurtschatow-Denkmal vorbei. Igor Kurtschatow war der führende Kopf hinter dem sowjetischen Atomprogramm und das Denkmal ist entsprechend eindrucksvoll gestaltet: eine große Statue, flankiert von massiven Strukturen, die fast schon futuristisch wirken. Es ist weniger ein Denkmal im klassischen Sinn, sondern eher ein Statement. Passend zu einer Stadt, die stark mit Wissenschaft und Industrie verbunden ist.
Am Stadion angekommen, beschlich mich ein seltsames Gefühl der Vertrautheit. Ich war mir sicher, dieses Stadion schon einmal gesehen zu haben. Zwar war es verschlossen, doch ein Büro hatte geöffnet. Und, kaum zu glauben, ein Mitarbeiter sprach Englisch! Das war auf dieser Reise eher die Ausnahme als die Regel. Je weiter ich mich von Moskau entfernte, desto mehr wurde Kommunikation zu einer Mischung aus Händen, Füßen und kreativen Gesten. Man darf nicht vergessen: Es war 2016, ich hatte keine russische SIM-Karte, und mal eben etwas googeln oder übersetzen war schlicht nicht drin.


Ich erklärte dem Mitarbeiter also, dass ich aus Österreich komme und mir das Stadion gerne ansehen würde. Ohne zu zögern griff er zum Schlüssel  und los ging’s. Drinnen erzählte er mir, dass dieses Stadion ein Nachbau des Stadions in Khimki ist. Khimki liegt etwas nördlich von Moskau, direkt an der Leningrader Straße, die Richtung Flughafen Sheremetyevo und weiter nach St. Petersburg führt. Da fiel der Groschen: Daher kam mir das Ganze so bekannt vor!
Langsam neigte sich der Tag dem Ende zu, und ich machte mich auf den Rückweg zur Unterkunft.
Am Donnerstagmorgen sollte mein Zug nach Jekaterinburg gehen.
Was dort passierte?

Kurz gesagt: Festnahme und stundenlange Vernehmung durch Geheimdienstmitarbeiter.

---> Jekaterinburg