Vladivostok
Sehr früh, noch vor 6 Uhr morgens, musste ich bereits am Bahnhof sein. Die letzte Etappe meiner Reise stand bevor. Eine Zugfahrt von über 14,5 Stunden bis zum endgültigen Ziel meiner Transsibirien-Reise.
Die ersten Stunden verbrachte ich schlafend. Der Zug war überraschend schwach besetzt. Nur wenige Menschen wollten an diesem Tag mit dem Zug Nummer 0008, der aus Nowosibirsk kam, nach Vladivostok fahren. Für die gesamte Strecke benötigt dieser Zug mehr als 100 Stunden, über vier Tage ununterbrochene Fahrt quer durch Russland.
Je näher das Ziel rückte, desto größer wurde meine Freude. Die letzten Stunden verbrachte ich im Speisewagen mit dem Zugpersonal bei Bier und guten Gesprächen. Voller Begeisterung erzählte ich von meiner Reise, meinem Abenteuer Transsibirische Eisenbahn und davon, dass ich mir gerade einen lang gehegten Lebenstraum erfüllte. Einige Dosen Baltika 7 sorgten zusätzlich für Feierlaune. Die Stimmung war ausgezeichnet. Die Transsibirische Eisenbahn, von der ich so lange geträumt hatte, lag nun fast vollständig hinter mir.
Am 2. Mai erreichte ich schließlich nach 28 Tagen, 15 Stunden und 9 Minuten sowie einer zurückgelegten Strecke von 13.169 Kilometern das Ende der Transsibirischen Eisenbahn: Vladivostok.
Am Bahnsteig zog es mich natürlich sofort zum berühmten 9.288-km-Denkmal. Der markante Granitpfeiler zeigt die offizielle Entfernung von Moskau nach Wladiwostok an und symbolisiert das Ende der längsten Eisenbahnstrecke der Welt. Für Reisende der Transsibirischen Eisenbahn ist dieses Denkmal so etwas wie die Ziellinie eines Marathons.
Für diesen Abend stand kein Sightseeing mehr auf dem Programm, sondern eine Bar. Immerhin hatte ich etwas zu feiern. Nach all den Jahren des Träumens und Planens hatte ich diese Reise tatsächlich geschafft.
Den nächsten Tag gönnte ich mir einen ausgedehnten Schlaf. Nicht nur wegen der letzten Nacht, sondern wegen der vergangenen Wochen. Zum ersten Mal seit Langem musste ich nichts organisieren, keinen Zug erwischen und keine Sehenswürdigkeiten besichtigen. Ich gönnte mir einen Tag völliger Ruhe und ließ die Erlebnisse der vergangenen Wochen Revue passieren.
Wladiwostok selbst ist eine faszinierende Stadt. Mit rund 600.000 Einwohnern ist sie die größte russische Stadt am Pazifik. Gegründet wurde sie 1860 als Militärposten. Bis heute ist sie Heimathafen der russischen Pazifikflotte und besitzt enorme strategische Bedeutung. Die Stadt liegt auf einer hügeligen Halbinsel und erinnert mit ihren Brücken, Buchten und steilen Straßen stellenweise eher an San Francisco als an eine typische russische Stadt. Gleichzeitig spürt man überall den militärischen Charakter und die Nähe zu China, Korea und Japan. Ich war weniger als 100 Kilometer von Nordkorea entfernt. Ein Land, dass ich eines Tages auch besuchen sollte.
Erst am Mittwoch startete ich mein Besichtigungsprogramm, dafür aber mit voller Kraft.
Mein erster Weg führte mich zur Interzessionskathedrale im Pokrowski-Park. Die goldenen Kuppeln der orthodoxen Kirche glänzten in der Morgensonne und bildeten einen beeindruckenden Kontrast zu den modernen Gebäuden der Umgebung.
In der Stadt entdeckte ich auch die Tafel der Ehrenbürger von Vladivostok. Auf großen steinernen Tafeln werden dort bedeutende Persönlichkeiten der Stadtgeschichte geehrt – Militärs, Wissenschaftler, Künstler und Politiker, die die Entwicklung der Stadt geprägt haben.
Immer wieder begegneten mir junge Kadetten in Uniform. Überhaupt wirkte Vladivostokdeutlich militärischer als jede andere russische Stadt, die ich zuvor besucht hatte.
Am Hafen lagen Kriegsschiffe der Pazifikflotte vor Anker. Dahinter waren riesige Containerschiffe zu erkennen, die Waren zwischen Russland und den asiatischen Wirtschaftszentren transportierten. Überall sah ich Kräne, Docks und Hafenanlagen. Vladivostoklebt vom Meer.
Gedenktafeln und Plakate zum 9. Mai 1945 waren ebenfalls allgegenwärtig. Natürlich zog es mich auch noch einmal zum Bahnhof. Das Bahnhofsgebäude von Vladivostok gehört zu den schönsten Bahnhöfen Russlands. Es wurde bewusst im Stil des Jaroslawler Bahnhofs in Moskau errichtet, dem offiziellen Ausgangspunkt der Transsibirischen Eisenbahn. So bilden Anfang und Ende der Strecke gewissermaßen ein architektonisches Paar. Direkt davor steht eine Lenin-Statue, die nach wie vor über den Bahnhofsvorplatz blickt.
Aus der Ferne konnte ich außerdem die beeindruckende Russki-Brücke sehen. Sie wurde erst 2012 eröffnet und besitzt eine der größten Schrägseilspannweiten der Welt. Mit ihren gewaltigen Pylonen prägt sie die Skyline der Stadt.
Nicht weit davon entfernt besuchte ich das berühmte U-Boot-Museum S-56. Das im Zweiten
Weltkrieg eingesetzte sowjetische U-Boot wurde nach zahlreichen Kampfeinsätzen außer Dienst gestellt und später als Museum eröffnet. Im Inneren konnte ich die engen Schlafkojen, Torpedoräume, Maschinenanlagen und die Kommandozentrale besichtigen. Erst dort wurde mir bewusst, unter welch extremen Bedingungen die Besatzungen monatelang ihren Dienst verrichteten.
Gefühlt findet man in der halben Stadt Denkmäler, die an Kriege und militärische Leistungen erinnern. Neben dem U-Boot befindet sich die Gedenkstätte der Kampfehre mit dem Ewigen Feuer. Dort beobachtete ich junge Kadetten, die mit Gewehren das exakte Stillstehen und Marschieren übten.
Ebenfalls besuchte ich das K-430-U-Boot-Denkmal. Das ehemalige Atom-U-Boot der Projekt-667AU-Klasse erinnert an die Bedeutung der sowjetischen und russischen U-Boot-Flotte im Kalten Krieg. Das gewaltige Stahlungetüm vermittelt eindrucksvoll, welche technische und militärische Bedeutung diese Waffensysteme einst hatten.
Am Abend blickte ich auf einen ereignisreichen Tag zurück. Vladivostokhatte mich mit seiner Mischung aus Hafenstadt, Militärgeschichte, russischer Kultur und Pazifikflair nachhaltig beeindruckt.
An meinem letzten Tag in Russland wollte ich noch eine Postkarte für einen ehemaligen Vorgesetzten besorgen. Die Postkarte selbst war am Bahnhof schnell gefunden, die Briefmarke dagegen nicht. Die gab es nämlich nicht im Postamt, sondern in irgendeinem kleinen Kiosk. Auch eine interessante Erfahrung.
Grundsätzlich kaufe ich auf Reisen kaum Souvenirs. Doch hier machte ich eine Ausnahme. Ich erstand eine runde Gipstafel mit dem 9.288-km-Denkmal und einer historischen russischen Dampflokomotive. Noch heute steht sie in meinem Wohnzimmer und erinnert mich an diese außergewöhnliche Reise.
Noch am Vormittag fuhr ich zum Flughafen. Unterwegs sah ich Militärflugzeuge, die teilweise hinter Böschungen und Geländeerhebungen verborgen waren.
Nachdem ich meinen Tramperrucksack aufgegeben hatte, wurde mir bewusst, dass nun der Abschied von Russland bevorstand. Obwohl meine Reise noch nicht zu Ende war, endete hier mein großes Transsibirien-Abenteuer. Für Russland hatte ich ein Vier-Wochen-Visum erhalten. Tatsächlich war ich 3 Wochen, 6 Tage und 20 Stunden im Land – mein Visum hatte ich also nahezu vollständig ausgenutzt.
Mein Flug führte über Tokio nach Peking. Als Österreicher durfte ich damals problemlos nach Japan einreisen, was ich auch tat. Offiziell war ich nun in Japan, hatte aber keine Zeit, Tokio zu besuchen. Also gönnte ich mir stattdessen etwas typisch Japanisches zu essen – natürlich mit Reis.
Beim Bezahlen folgte allerdings eine Überraschung: Sämtliche Bankkarten verweigerten ihren Dienst. Keine funktionierte. Zum Glück hatte ich seit Beginn der Reise stets 200 Euro Notfallgeld in zehn Euro-Scheinen dabei. Ich hinterlegte meinen Reisepass als Pfand, wechselte Geld und konnte schließlich bezahlen. Ein solches Problem hatte ich in Russland während der gesamten Reise nie gehabt.
Immer wieder muss ich schmunzeln, wenn Menschen im Nicht-Euro-Ausland versuchen, mit einem 100-Euro-Schein eine Kleinigkeit zu bezahlen. Wie soll ein Taxifahrer oder Verkäufer Wechselgeld herausgeben, wenn er selbst gar keine Euro besitzt?
Als Letzter kam ich schließlich am Gate an. Dort wurde ich nach dem Vorzeigen meines Reisepasses etwas skeptisch angesehen. Das Personal suchte verzweifelt nach meinem chinesischen Visum. Vergeblich – ich hatte keines. Warum auch? Damals benötigten Österreicher für einen 72-Stunden-Transit in China kein Visum. Die Abklärung dauerte allerdings so lange, dass sich der Abflug dadurch sogar verzögerte. Sorry dafür!
Während des Fluges nach Peking schaute ich einen Film über Steve Jobs, ehe ich nach 21 Uhr schließlich in der chinesischen Hauptstadt landete.
.jpg/picture-200?_=19e9a8e96ce)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e9235)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e8d80)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e88e4)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e8484)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e7fdf)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e7bd8)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e7778)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e7391)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e6f1c)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e6b2a)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e6724)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e633c)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e5f90)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e5bd0)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e6db0)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e65e0)
.jpg/picture-200?_=19e9a8e0438)
.jpg/picture-200?_=19e9a8ddd28)
.jpg/picture-200?_=19e9a8daa60)