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"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Beijing - Transsibirische Eisenbahn 2016 




<--- Vladivostok


 Peking/Beijing
Am späten Abend erreichte ich Beijing. Es war das erste Mal, dass ich chinesischen Boden betrat. Schon am Flughafen betrat ich eine völlig neue, mir unbekannte Welt. Dass ich eine Migrationskarte ausfüllen musste, war ich bereits aus vielen anderen Ländern gewohnt. Neu war allerdings, dass man mir nicht nur die Fingerabdrücke abnahm, sondern auch meine Iris scannte. Zusätzlich musste ich durch einen Tunnel gehen, der meine Körpertemperatur maß. So etwas hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Alles war in Ordnung, und damit war ich offiziell in China.
Am Flughafen wechselte ich noch 100 Euro in Yuan um. Eigentlich wollte ich noch einkaufen gehen, doch nach der langen Reise siegte die Vernunft. Also fuhr ich direkt ins Hotel.
Peking, oder Beijing, ist mit über 20 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt und seit Jahrhunderten das politische Zentrum Chinas. Die Geschichte der Stadt reicht mehr als 3.000 Jahre zurück. Hier residierten die Kaiser der Ming- und Qing-Dynastie, hier befindet sich die Verbotene Stadt und von hier aus wird heute die Volksrepublik China regiert. Beijing ist eine faszinierende

 Mischung aus jahrtausendealter Geschichte, kommunistischer Staatsmacht und futuristischen Wolkenkratzern.


 

Die Chinesische Mauer
Beijing in einem Tag? Geht das? Natürlich nicht. Dafür ist die Stadt viel zu groß und hat viel zu viel zu bieten. Mein Tagesplan war daher überschaubar: die Chinesische Mauer und der Tiananmen-Platz.
Mit der U-Bahn musste ich zunächst zu einem Bahnhof im Norden der Stadt. Da Beijing um einiges größer ist als Wien, dauerte die Fahrt entsprechend länger.  Langeweile kam auf. Also begann ich, mein U-Bahn-Ticket zu falten. Mal so, mal anders. Sinn hatte das natürlich keinen, aber Langeweile macht erfinderisch.
Dann bemerkte ich, dass mein Kaugummi seinen Geschmack verloren hatte. Wohin damit? Ich klebte ihn kurzerhand auf das Ticket, um beides später gemeinsam wegzuwerfen.
Endlich erreichte ich meine Station. Dort stellte ich fest, dass man das Ticket in einen Schlitz stecken musste, um die Station verlassen zu können. Den Kaugummi bekam ich zwar wieder herunter, die Knicke allerdings nicht. Ich versuchte mein Glück. Sofort gingen die Alarmglocken los.
Wie peinlich!
Da stand ich nun, der Europäer, der offenbar nicht einmal U-Bahn fahren konnte. Ein Mitarbeiter kam herbei, sah sich das zerknitterte Ticket an und ließ mich wortlos durch. Peinlich war es trotzdem.
Am Bahnhof angekommen kaufte ich mir ein Zugticket, das ich diesmal selbstverständlich wie einen Schatz behandelte.
Während der Zugfahrt nach Badaling konnte ich viele Hochhäuser sehen. Irgendwo mussten die Millionen Menschen ja wohnen.


Die Chinesische Mauer zählt zu den beeindruckendsten Bauwerken der Menschheit. Je nach Zählweise und Einbeziehung aller Nebenmauern erstreckt sie sich über mehr als 21.000 Kilometer. Die ältesten Abschnitte wurden bereits vor über 2.000 Jahren errichtet. Entgegen der weit verbreiteten Legende kann man die Mauer mit bloßem Auge nicht aus dem Weltall erkennen. Dazu braucht man schon spezielle Hilfsmitteln.
Sonst könnte man ja auch die Obere Bahnstraße in St. Hintervorderdupfing sehen, denn die ist genauso breit. Die Mauer diente ursprünglich als Verteidigungsanlage gegen nomadische Reitervölker aus dem Norden und gilt heute als eines der bekanntesten Wahrzeichen der Welt.
In Badaling angekommen musste ich noch einige Meter bis zur Mauer gehen. Das Wetter war traumhaft. Strahlend blauer Himmel, angenehme Temperaturen und beste Sicht. Als ich schließlich auf der Mauer stand, war das ein besonderer Moment. Jahrtausende Geschichte lagen buchstäblich unter meinen Füßen.
Beim Spaziergang stellte ich schnell fest, dass die Stufen alles andere als genormt waren. Manche waren niedrig, andere reichten fast bis zu meinem Unterschenkel. Offenbar hatten die alten Baumeister noch nichts von österreichischen Bauvorschriften gehört. Nach einigen hundert Metern spürte ich meine Beine deutlich.
Von den Wachtürmen aus bot sich ein beeindruckender Blick über die grünen Hügel, auf denen sich die Mauer wie ein riesiger steinerner Drache durch die Landschaft schlängelte. Ich fühlte mich gleichzeitig winzig klein und privilegiert, an einem Ort zu stehen, den ich bisher nur aus Geschichtsbüchern und Dokumentationen kannte.


Die Verbotene Stadt


Mit dem Zug ging es anschließend zurück ins Zentrum von Beijing.
Direkt neben dem Tiananmen-Platz befindet sich die Verbotene Stadt. Sie wurde Anfang des 15. Jahrhunderts unter Kaiser Yongle errichtet und war fast 500 Jahre lang die Residenz der chinesischen Kaiser. Der riesige Palastkomplex umfasst rund 980 Gebäude und war für gewöhnliche Bürger streng verboten – daher der Name. Umgeben wird die Anlage von einem breiten Wassergraben und einer mächtigen Mauer, die den Kaiser symbolisch und praktisch vom Rest der Welt trennen sollten.
Für einen Besuch im Inneren hatte ich leider keine Zeit, also umrundete ich die Anlage.
Dabei sprach mich eine junge Chinesin an. Ich machte ihr höflich klar, dass ich kein Interesse an einem Gespräch hatte. Am anderen Ende der Verbotenen Stadt kam die nächste auf mich zu. Als Europäer fiel ich natürlich auf wie ein bunter Hund, aber langsam fragte ich mich schon, was die alle von mir wollten.
Wieder lehnte ich dankend ab.
Bei der dritten Dame wurde ich bereits etwas deutlicher. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Als ich das Haupttor erreichte, hörte ich plötzlich ein Pärchen aus Österreich sprechen. Das war das erste Mal seit fast fünf Wochen, dass ich wieder österreichischen Dialekt hörte. Sofort stellte sich ein kleines Heimatgefühl ein. Wir unterhielten uns eine Weile, und das tat überraschend gut.
## Tiananmen-Platz
Danach zog ich noch eine Runde über den Tiananmen-Platz.
Mit rund 440.000 Quadratmetern gehört er zu den größten öffentlichen Plätzen der Welt. Hier finden wichtige staatliche Zeremonien und Militärparaden statt. Internationale Bekanntheit erlangte der Platz jedoch vor allem durch die Demokratieproteste des Jahres 1989, die gewaltsam beendet wurden. Bis heute ist dieses Ereignis in China ein sensibles Thema. Der Platz gilt als politisches Herz der Volksrepublik.


Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Ich wollte eigentlich zurück ins Hotel, meinen Rucksack holen und zum Flughafen fahren.
Doch dann sprach mich kurz vor einer U-Bahn-Station ein chinesisches Pärchen an.
Sie begannen ein freundliches Gespräch und luden mich auf ein Getränk ein. Da ich in Russland in den vergangenen Wochen viele positive Erfahrungen mit spontanen Begegnungen gemacht hatte, sagte ich zu.
Dass das Unheil bereits seinen Lauf nahm, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die Teestubenfalle
Wir gingen unweit der Verbotenen Stadt in eine kleine Seitengasse. Dort standen niedrige, fast garagenartige Gebäude. Schließlich betraten wir eines davon. Hinter der unscheinbaren Fassade befanden sich mehrere Räume. Wir nahmen in einem der hintersten Zimmer Platz.
Jeder bestellte ein Bier und einen kleinen Tee.
Das Pärchen wollte meine E-Mail-Adresse haben, um in Kontakt zu bleiben. Das kam mir etwas seltsam vor, weshalb ich ihnen eine falsche Adresse gab.
Trotzdem ahnte ich noch immer nichts.
Dann überredeten sie mich, noch einen Rotwein zu bestellen.
Warum auch nicht?
Kurz darauf fragte mich die Frau, ob ich eine Zigarette rauchen wolle. Ich erklärte ihr, dass ich eigentlich mit dem Rauchen aufhören wolle.
Dann machte sie eine Bemerkung, die für mich wie eine ziemlich eindeutige Anspielung auf Marihuana klang.
Wollte sie mir Drogen verkaufen?
Danach fragte sie, ob ich eine Freundin hätte.
Nein.
Ob ich vielleicht eine chinesische Frau suche?
Jetzt gingen bei mir endgültig alle Alarmglocken an.
Ich erklärte, dass ich weiter müsse, da mein Flug bald starten würde.
Daraufhin kam die Rechnung.
Ich holte meine verbliebenen Yuan hervor und stellte fest, dass ich gerade einmal auf ein Drittel des geforderten Betrags kam.
Moment mal.
Das waren doch fast die gesamten 100 Euro, die ich am Flughafen gewechselt hatte.
Sollten drei Tees, drei Bier und drei Gläser Wein tatsächlich fast 300 Euro kosten?
Ich verlangte eine Erklärung.
Sofort stellten sich das Pärchen und der Kellner auf dieselbe Seite.
In diesem Moment verstand ich endlich.
Ich war in eine klassische Touristenfalle geraten.
Man zeigte mir die angeblich edle französische Weinflasche und erklärte, sie sei außergewöhnlich teuer. Allerdings waren die Rotweinflecken auf dem Etikett bereits eingetrocknet. So frisch konnte die Geschichte also nicht sein. Außerdem hatte ich in meinem Leben schon deutlich bessere Weine getrunken.
Ich weigerte mich zu zahlen.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich hier hinten in einem abgeschlossenen Raum saß und kein unnötiges Risiko eingehen wollte.
Also zahlte ich – allerdings weniger als zehn Prozent der geforderten Summe.
Die letzten Worte bestanden aus einem lautstarken Streit. Man versuchte mir einzureden, dass der arme Mann jetzt die gesamte Rechnung selbst bezahlen müsse.
Natürlich Unsinn.
Die drei steckten unter einer Decke.
Und plötzlich ergab auch alles andere Sinn: die jungen Frauen rund um die Verbotene Stadt, die mich zuvor angesprochen hatten. Sie wollten vermutlich alle dasselbe.
Tja.
Lehrgeld bezahlt.


Ja, ich wurde abgezogen.
Aber ich konnte damit leben, und eines war sicher: So etwas würde mir nie wieder passieren. Auch nicht, als ich 2019 tatsächlich noch einmal nach China zurückkehrte.



Abschied von China
Ich holte meinen Rucksack aus dem Hotel und fuhr zum Flughafen.
Bei der Ausreise gab es noch einmal Probleme.
Man fragte mich nach meinem Reiseziel.
"Wien."
Ratlose Blicke.
"Österreich."
Noch ratlosere Blicke.
"Austria."
Keine Reaktion.
Damals wusste ich noch nicht, dass Österreich auf Chinesisch „Aodili“ ausgesprochen wird. Woher auch?
Also erklärte ich, dass ich über die Ukraine fliegen würde.
Doch weder die Ukraine noch Kiew schienen bekannt zu sein.
Andererseits: Wer von uns im Westen könnte spontan mehr als zwanzig der über hundert chinesischen Millionenstädte aufzählen? Ich jedenfalls nicht.
Im Flugzeug setzte ich mich schließlich in eine Reihe mit extra Beinfreiheit. Das fiel zwar auf, doch die Stewardess erlaubte mir freundlicherweise, dort sitzen zu bleiben.
Eigentlich wollte ich einige Stunden in Kiew verbringen. Dieser Aufenthalt verkürzte sich jedoch erheblich. Unser Flug musste eine andere Route nehmen, da nach dem Abschuss von Flug MH17 durch prorussische Kräfte unter Beteiligung des russischen Nationalisten Igor Girkin („Strelkow“) der betreffende Luftraum über der Ostukraine gesperrt worden war.
So flogen wir stattdessen über den Kaukasus und erreichten die Ukraine schließlich über Odesa.
China lag hinter mir und vor mir, mein letzter Halt...