onthewaywiththomas
"Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen." Johann Wolfgang von Goethe

Riga

<---Narva

Estland und Lettland Juli 2026


Nach unserer Ankunft in Riga brachten wir zunächst unsere Rucksäcke ins Hotel. Anschließend fuhren wir mit dem Mietwagen zum Flughafen, gaben diesen zurück und nahmen schließlich ein Taxi in den bekannten Badeort Jūrmala.
Jūrmala liegt etwa 25 Kilometer westlich von Riga und zählt rund 50.000 Einwohner. Der Ort gilt als bekanntester Kur- und Badeort Lettlands. Berühmt ist Jūrmala vor allem für seinen über 30 Kilometer langen feinen Sandstrand, die zahlreichen historischen Holzvillen aus dem 19. Jahrhundert sowie seine Heilbäder und Wellnesshotels. Schon zu Zeiten des Russischen Zarenreiches und später der Sowjetunion verbrachten hier wohlhabende Familien und Funktionäre ihre Sommerferien.
Ideal verlief unser Aufenthalt dort allerdings nicht.
Etwa drei Stunden vor Spielbeginn setzte Regen ein und ins Stadion durften wir ebenfalls noch nicht hinein. Also retteten wir uns zunächst in ein kleines Café, wo wir trocken blieben und die Zeit bei Bier und Gesprächen überbrückten. Fußballfans entwickeln bekanntlich eine erstaunliche Geduld,  zumindest solange das Bier noch nicht ausgeht.
Das Stadion selbst war eher ein größerer Sportplatz als eine richtige Arena. Es verfügte lediglich über eine überdachte Tribüne und wirkte ausgesprochen beschaulich. Erst rund eine Stunde vor Spielbeginn wurden die Tore geöffnet.
Dennoch hatten sich über 100 Fans der Wiener Austria auf den Weg ins Baltikum gemacht, um ihre Mannschaft beim UEFA Conference League Qualifikationsspiel gegen FK Liepāja zu unterstützen.
Eigentlich hätte die Partie in Liepāja stattfinden sollen. Doch nachdem dort wenige Tage zuvor ein Konzert auf dem Rasen veranstaltet worden war und zusätzlich starker Regen eingesetzt hatte, wurde der Platz für unbespielbar erklärt. Deshalb musste das Spiel kurzfristig nach Jūrmala verlegt werden. Das Bier kostete hier 7 Euro, worüber sich einige Fans aufregent. Ich als USA WM gestörter Fan dachte mir „wow, billig!“. Ich hoffe ich komme bald wieder auf den Boden der Realität zurück! Austria gewann das Spiel problemlos.
Nach dem Spiel wartete bereits die nächste Überraschung auf uns.
Als wir im Supermarkt noch Bier kaufen wollten, untersagte uns die örtliche Polizei den Kauf mit erstaunlicher handfester Konsequenz.


So bestiegen wir den Zug zurück nach Riga, diesmal eben völlig ohne flüssige Wegzehrung. Interessant war dabei vor allem die Eisenbahn selbst. In weiten Teilen des Baltikums fahren die Züge bis heute auf der russischen Breitspur mit einer Spurweite von 1.520 Millimetern. Diese wurde bereits im Zarenreich eingeführt und später in der gesamten Sowjetunion als Standard verwendet. Während in fast ganz Europa die Normalspur von 1.435 Millimetern üblich ist, blieb die sowjetische Spur nach der Unabhängigkeit der baltischen Staaten erhalten.
Genau deshalb entsteht derzeit eines der größten Infrastrukturprojekte Europas: Rail Baltica. Die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke verbindet künftig Warschau über Kaunas, Panevėžys, Riga, Pärnu und Tallinn. Langfristig soll die Verbindung sogar per Eisenbahntunnel bis nach Helsinki verlängert werden. Erstmals werden die baltischen Staaten dadurch direkt an das europäische Normalspurnetz angeschlossen. Das Projekt ist nicht nur wirtschaftlich von enormer Bedeutung, sondern auch sicherheitspolitisch. Militärische Transporte aus Mitteleuropa können künftig wesentlich schneller in die baltischen NATO-Staaten gelangen, ohne an den unterschiedlichen Spurweiten scheitern zu müssen.
Müde, aber zufrieden erreichten wir schließlich unser Hotel in Riga. An ein Restaurant war jetzt allerdings nicht mehr zu denken. Also blieb nur noch Plan B: Pizza bestellen.
Per App war das schnell erledigt. Weniger erfreulich war allerdings die angezeigte Lieferzeit.
Fast zwei Stunden.
Diese kleine Information verschwieg ich meinen beiden Begleitern vorsichtshalber. Ich hatte die leise Hoffnung, dass sie die Wartezeit vielleicht gar nicht bemerken würden.
Spoiler:
Sie bemerkten sie.
Mit jeder Viertelstunde wurden die Kommentare kreativer. Erst war es nur ein leichtes Murren, später kamen erste Beschwerden auf. Ich versuchte die Stimmung zu retten und erklärte immer wieder, dass die Pizza bestimmt gleich da sei. Irgendwann glaubte ich selbst nicht mehr daran.
Nach rund 90 Minuten klingelte es schließlich tatsächlich an der Tür.
Die Lieferung war angekommen.
Zwar stimmte ein Teil der Bestellung nicht ganz mit unseren Wünschen überein, doch nach dieser Wartezeit war uns das herzlich egal. Hauptsache, endlich etwas zu essen. In diesem Moment hätte vermutlich sogar eine Tiefkühlpizza wie ein Fünf-Sterne-Menü geschmeckt.
Nach dem Abendessen fielen wir alle ziemlich rasch ins Bett.
Für Freitag trennten sich unsere Wege. Da ich Riga bereits mehrfach besucht hatte, wollte ich diesmal etwas nachholen, das ich bei meinen früheren Aufenthalten immer ausgelassen hatte – das Luftfahrtmuseum Riga, das sich direkt neben dem Flughafen befindet. Die anderen gingen in die Stadt.
Mit dem Linienbus machte ich mich auf den Weg. Einen Fahrschein hätte ich durchaus gerne gekauft, allerdings erwies sich das als schwieriger als gedacht. Die offizielle App verlangte für die Registrierung zwingend eine Telefonnummer aus dem Baltikum.
Die hatte ich bekanntlich nicht.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als ohne Ticket einzusteigen. Manchmal muss man als Tourist eben improvisieren.


An der Endstation angekommen, stand ich praktisch direkt vor dem Museum.
Der Eintritt betrug stolze 10 Euro. Eine Eintrittskarte erhielt ich allerdings nicht.
Mein erster Eindruck?
Das war weniger ein klassisches Museum als vielmehr ein riesiger Flugzeugfriedhof.
Zwischen hohem Gras und überwucherten Wegen standen Dutzende Flugzeuge, Hubschrauber, Kampfjets und Flughafengeräte. Dazu kamen Gepäckwagen, Tankfahrzeuge, Schlepper, Bodenstromaggregate (GPU), Enteisungsgeräte und allerlei andere Technik, die normalerweise nur Mitarbeiter eines Flughafens aus nächster Nähe zu Gesicht bekommen.
Für viele Besucher mag das Gelände wie ein Schrottplatz wirken.
Für einen Aviatiker dagegen war es fast schon ein kleines Paradies.
Man konnte gemütlich zwischen den Maschinen umherstreifen und Details entdecken, die in modernen Museen meist hinter Absperrungen verschwinden. Gerade der etwas verwilderte Zustand verlieh dem Gelände seinen ganz eigenen Charme.
Besonders ins Auge fiel eine Tupolew Tu-134 in den klassischen Farben der Aeroflot.
Warum sie ausgerechnet noch immer an einer Ground Power Unit (GPU) angeschlossen war, blieb allerdings ihr Geheimnis.
Braucht dieser fliegende Oldtimer etwa noch Strom?
Oder wollte einfach jemand sicherstellen, dass die Cockpitbeleuchtung nach unzähligen Jahren Standzeit nicht ausgeht?
Daneben stand eine Tupolew Tu-22M, von der NATO als „Backfire“ bezeichnet. Der zweistrahlige Überschallbomber erreicht Geschwindigkeiten von über 2.000 km/h, besitzt – abhängig von der Version – eine Reichweite von bis zu 7.000 Kilometern und kann sowohl konventionelle als auch Marschflugkörper transportieren. Zwischen den 1970er-Jahren und Anfang der 1990er wurden knapp 500 Exemplare gebaut. Noch heute setzt Russland diesen Bomber regelmäßig für Angriffe gegen Ziele in der Ukraine ein um Menschen zu töten.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges konnten ukrainische Streitkräfte mehrere dieser Flugzeuge zerstören oder schwer beschädigen. Besonders spektakulär war die Operation „Spiderweb“ vom 1. Juni 2025. Dabei gelang es der Ukraine, mit Drohnen über 4.000 Kilometer hinter der Front auf russischen Luftwaffenstützpunkten gleichzeitig anzugreifen und unter anderem mehrere Tu-22M schwer zu beschädigen oder außer Gefecht zu setzen.
Auch zahlreiche andere sowjetische Kampfflugzeuge standen auf dem Gelände.
Viele dieser Flugzeugtypen werden von Russland bis heute eingesetzt um Menschen zu töten.
Mich stimmte dieser Anblick nachdenklich.
Zwischen all den historischen Maschinen wurde einem bewusst, dass manche dieser Flugzeuge längst ins Museum gehören würden, stattdessen fliegen ähnliche Exemplare noch immer Kampfeinsätze.
Und genau deshalb passte dieser Ort für mich irgendwie perfekt.
Hier, zwischen Gras, Rost und Geschichte, wirkten sie wesentlich besser aufgehoben als am Himmel.
Wieder einmal ohne Fahrschein machte ich mich mit dem Bus auf den Weg in die Innenstadt. Mein erstes Ziel war die Akademie der Wissenschaften Lettlands.


Das markante Hochhaus wurde zwischen 1953 und 1956 errichtet und gehört zu den sogenannten „Sieben Schwestern“ , jenen monumentalen Stalin-Hochhäusern, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Moskau entstanden. Mit seinen 108 Metern Höhe prägt das Gebäude bis heute die Skyline Rigas. Wegen seiner Architektur wird es von den Einheimischen scherzhaft auch „Stalins Geburtstagstorte“ genannt. Vor dem Eingang wehten die lettische und die ukrainische Flagge.
Mit dem Aufzug ging es hinauf zur Aussichtsplattform.
Oben angekommen bot sich ein fantastischer Rundumblick über die lettische Hauptstadt. Direkt unter mir schlängelte sich die Daugava gemächlich durch Riga, ehe sie wenige Kilometer weiter in die Ostsee mündet. Die Türme der Altstadt ragten aus den roten Dächern hervor, während sich auf der anderen Flussseite moderne Hochhäuser mit historischen Gebäuden abwechselten. Besonders gut zu erkennen waren der Hauptbahnhof, die riesigen Markthallen und das imposante Gebäude des lettischen Fernsehens. An dessen Fassade hing eine gewaltige ukrainische Flagge, schon von weitem sichtbar und ein weiteres Zeichen dafür, wie präsent die Solidarität mit der Ukraine im Baltikum ist.
Nach diesem Ausblick führte mich mein Weg zur berühmten Rigaer Zentralmarkthalle.
Sie zählt zu den größten Markthallen Europas und gehört seit 1998 gemeinsam mit der Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Besonders außergewöhnlich ist ihre Geschichte: Die fünf riesigen Hallen entstanden aus ehemaligen Hangars für deutsche Zeppeline des Ersten Weltkriegs, die nach Riga gebracht und zu Markthallen umgebaut wurden. Heute werden dort täglich Fisch, Fleisch, Gemüse, Brot, Käse und unzählige regionale Spezialitäten angeboten. Schon beim Betreten strömten einem die unterschiedlichsten Gerüche entgegen – mal angenehm, mal Fisch.
Von dort schlenderte ich weiter in Richtung Altstadt.
Riga ist mit rund 610.000 Einwohnern nicht nur die größte Stadt Lettlands, sondern auch die größte Metropole des gesamten Baltikums. Die Stadt wurde 1201 vom Bremer Bischof Albert von Buxhövden gegründet und entwickelte sich rasch zu einer der wichtigsten Handelsstädte der Hanse. Bis heute beeindruckt Riga mit einer einzigartigen Mischung aus mittelalterlicher Altstadt, prachtvollen Jugendstilgebäuden und großzügigen Boulevards. Kaum eine andere Stadt in Nordeuropa verbindet Geschichte und Moderne so harmonisch.
Mein nächstes Ziel war das Museum der Okkupation Lettlands.
Dieses Museum zeigt eindrucksvoll, weshalb die Menschen im Baltikum bis heute große Sorgen vor Russland haben.
Die Ausstellung behandelt sowohl die Zeit der nationalsozialistischen Besatzung von 1941 bis 1944 als auch – noch ausführlicher – die beiden sowjetischen Besatzungsperioden von 1940 bis 1941 sowie 1944 bis 1991.
Bereits im Juni 1941 deportierte die sowjetische Geheimpolizei NKWD innerhalb weniger Tage mehr als 15.000 Lettinnen und Letten nach Sibirien und Zentralasien. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten weitere Massendeportationen. Allein bei der sogenannten Operation Priboi im März 1949 wurden über 42.000 Menschen aus Lettland verschleppt. Insgesamt wurden während der sowjetischen Herrschaft weit über 100.000 Letten deportiert, zehntausende Menschen inhaftiert oder ermordet und unzählige Familien auseinandergerissen.
Das Museum dokumentiert eindrucksvoll, mit welchen Mitteln die sowjetische Herrschaft arbeitete: politische Verfolgung, Enteignungen, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Deportationen, Arbeitslager im Gulag, Überwachung durch den KGB sowie die gezielte Ansiedlung russischsprachiger Bevölkerung, um die nationale Identität Lettlands zu schwächen.
Zu sehen waren originale Gefängniszellen, persönliche Briefe deportierter Familien, Fotografien, Uniformen, Dokumente des KGB sowie zahlreiche Zeitzeugenberichte. Gerade diese persönlichen Schicksale machten die Ausstellung besonders bedrückend. Man las nicht einfach Zahlen – man sah Gesichter, Familien und Lebensgeschichten.


Mich nahm dieser Museumsbesuch emotional mit.
Es war bedrückend, erschütternd und gleichzeitig unglaublich wichtig.
Ich kann jedem empfehlen, dieses Museum einmal zu besuchen – besonders jenen Menschen, die den sowjetischen Terror bis heute verharmlosen oder die Geschichte der baltischen Staaten kleinreden. Gerade deshalb würde ich auch Personen wie Grosz, Schaurecker, Köppel, „Pitmann“ aus Gols, Röper, Lipp, ….. und ganz besonders Markel einen Besuch dieses Museums empfehlen. Nach meiner Auffassung verbreitet Markel regelmäßig falsche und irreführende Darstellungen beleidigt dabei immer wieder Menschen aus dieser Region. Vielleicht würde ein Rundgang durch dieses Museum dazu beitragen, besser zu verstehen, weshalb die Freiheit dieser Länder für ihre Bevölkerung keine Selbstverständlichkeit ist und warum die Erinnerungen an die sowjetische Besatzung bis heute nachwirken. Für ihm ist ein Besuch dieses Museum dringen nötig, vielleicht versteht er dann endlich, welchen Mist er unterstütz!
Nach diesem emotionalen Besuch brauchte ich erst einmal etwas Abstand. Deshalb zog ich noch einmal durch die wunderschöne Altstadt von Riga.
Ich schlenderte durch die schmalen Kopfsteinpflastergassen vorbei an liebevoll restaurierten Bürgerhäusern, kleinen Cafés und historischen Kirchen. Immer wieder blieb ich stehen, um die Fassaden zu bewundern. Besonders freute ich mich, erneut die berühmte Skulptur der Bremer Stadtmusikanten zu sehen – ein Geschenk der Partnerstadt Bremen nach dem Ende der Sowjetunion. Die vier Tiere blicken neugierig durch einen eisernen Vorhang und symbolisieren den Wunsch nach Freiheit. Während ich weiter durch die Gassen zog, dachte ich mir nur eines: Eine so wunderschöne Stadt darf niemals wieder unter die Herrschaft Moskaus geraten.
Da ich tagsüber immer wieder Austria-Fans getroffen hatte, die ebenfalls durch Riga spazierten, beschlossen wir, den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Unsere Wahl fiel auf das Rozengrāls, eines der außergewöhnlichsten Restaurants der Stadt.
Das Restaurant befindet sich in einem Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert und versucht, das mittelalterliche Riga möglichst authentisch wieder aufleben zu lassen. Bereits beim Betreten fühlt man sich mehrere Jahrhunderte zurückversetzt. Kerzen sorgen für die einzige Beleuchtung, überall stehen massive Holztische und Bänke, die Wände bestehen aus Naturstein und die Kellner tragen historische Gewänder. Selbst die Speisekarte orientiert sich an Rezepten des Mittelalters. Serviert werden unter anderem Wildgerichte, Stelzen, Suppen, Fisch sowie zahlreiche traditionelle baltische Spezialitäten.
Wir entschieden uns, eine Stelze zu teilen. Sie wird hier etwas anders zubereitet als in Österreich, schmeckte aber ausgezeichnet. Dazu bestellten wir Kwas – ein traditionelles, leicht vergorenes Erfrischungsgetränk aus Roggenbrot, das vor allem in den baltischen Staaten, Russland, Belarus und der Ukraine verbreitet ist und nur einen sehr geringen Alkoholgehalt besitzt.
Beim Essen ließen wir die vergangenen Tage Revue passieren und tauschten unsere Eindrücke aus.
S. erzählte von seinen Gesprächen mit Einheimischen. Dabei bestätigte sich genau das Bild, das wir bereits in Narva gewonnen hatten. Ja, es gibt nach wie vor Menschen, die Russisch sprechen – insbesondere die ältere Generation. Doch niemand, mit dem er gesprochen hatte, kennt jemanden, der sich eine Rückkehr unter russische Herrschaft oder gar einen russischen Bombenangriff wünscht. Im Gegenteil: Die meisten waren froh, heute in einem unabhängigen, demokratischen Staat der Europäischen Union zu leben.


Diese Erfahrung deckte sich auch mit meinen eigenen Beobachtungen. Selbst ich musste mich im Hotel gelegentlich auf Russisch verständigen, weil die Mitarbeiterin kaum Englisch sprach. Sprache allein sagt eben nichts über politische Einstellungen aus.
Gerade im Westen wird dieser Unterschied häufig übersehen. Manche Putin Unterstützer propagieren die Ansicht, russischsprachige Menschen würden automatisch Russland unterstützen oder sogar eine Annexion oder einen Krieg begrüßen. Krank diese Propaganda! Nach meinen Eindrücken und den Gesprächen vor Ort entspricht das keineswegs der Realität. Viele russischsprachige Bewohner des Baltikums identifizieren sich heute mit ihren Heimatländern und wollen vor allem eines: in Frieden leben.
Natürlich spürt man im Baltikum die Sorge vor Russland.
Gleichzeitig bemerkt man aber auch das Vertrauen in die NATO. In Estland, Lettland und Litauen sind Truppen mehrerer Bündnispartner stationiert. Die Menschen sehen diese Präsenz als Sicherheitsgarantie.
Diese Sorge kommt nicht von ungefähr.
Im Sommer 2022 wurde der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, mit den Worten zitiert:
„Eure Freiheit ist nicht euer Verdienst, sondern unser Versäumnis.“
Ein Satz, der insbesondere in den baltischen Staaten bis heute nachhallt.
Auch Wladimir Putin bezeichnete die baltischen Staaten mehrfach als Gebiete, die historisch zu Russland gehören würden. Vor diesem Hintergrund ist es leicht nachvollziehbar, weshalb die Menschen dort äußerst sensibel auf jede Drohung aus Moskau reagieren.
Vor meiner Reise war ich zuletzt 2019 in Riga gewesen. Damals schilderte mir eine ältere Einheimische ausführlich ihr Leben bis zum nötigen Zusammenbruch der Sowjetzeit. Wenn ich ihre Erzählungen mit dem heutigen Riga vergleiche, liegen Welten dazwischen. Heute ist die Stadt lebendig, modern und offen. Niemand, mit dem ich sprach, wollte dorthin zurück, woher das Land gekommen ist.
Nach dem – zugegeben nicht gerade kalorienarmen – Abendessen wollten wir den Tag noch mit einem besonderen Ausblick abschließen.
Unser Ziel war die Aussichtsplattform der Petrikirche.
Von dort wollten wir den Sonnenuntergang über den Dächern Rigas erleben. Die Sonne ging an diesem Tag erst gegen 21:45 Uhr unter – ein weiterer Beweis dafür, wie weit nördlich wir uns befanden.
Leider kamen wir wenige Minuten zu spät.
Die Aussichtsplattform war bereits geschlossen.
Also blieb uns nichts anderes übrig, als den Rückweg zu unseren Unterkünften anzutreten.
Am frühen Samstagmorgen hieß es schließlich Abschied nehmen. Für mich ging es über Warschau zurück nach Österreich.
Dort erwarteten mich wieder hochsommerliche Temperaturen, ein deutlicher Kontrast zu den angenehm kühlen Tagen im Baltikum.
Diese Reise war weit mehr als nur ein Fußballausflug.
Narva zeigte eindrucksvoll, wie nah Europa und Russland geografisch beieinanderliegen und wie unterschiedlich sich beide Seiten des Grenzflusses entwickelt haben. Die unzähligen ukrainischen Fahnen, die uns während der gesamten Reise begleiteten, stehen für mich nicht nur für Solidarität mit der Ukraine. Sie erinnern die Menschen im Baltikum auch daran, wie kostbar ihre eigene Freiheit ist und welche Erfahrungen sie mit der Herrschaft Moskaus gemacht haben.
Der Besuch des Museums der Okkupation machte diese Geschichte greifbar und half dabei, viele Ängste der Menschen vor Ort besser zu verstehen. Natürlich bleibt auch der sportliche Teil in Erinnerung. Austria Wien gewann das Hinspiel und schuf sich damit eine gute Ausgangslage für das Rückspiel.


Vor allem aber nehme ich viele Eindrücke aus Estland und Lettland mit nach Hause. Zwei Länder mit faszinierender Geschichte, beeindruckender Natur, wunderschönen Städten und ausgesprochen gastfreundlichen Menschen. Es war sicherlich nicht meine letzte Reise ins Baltikum.


Flugzeugmuseum Riga